Zwei Bücher – ein Konzept. Jonas Jonassons zweiter Roman „Die Analphabetin, die rechnen konnte“

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„Die Analphabetin, die rechnen konnte“ scheint auf den ersten Blick ein komplett anderes Buch als Jonassons Debütroman zu sein, ist letztendlich aber nach dem gleichen Muster wie „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ gestrickt.

„Mit fünf fing sie an zu arbeiten, mit zehn wurde sie Waise, mit fünfzehn von einem Auto überfahren. Im Grunde genommen deutet alles darauf hin, dass Nombeko ihr Dasein in ihrer Hütte im größten Slum Südafrikas fristen und sehr früh sterben würde.
Wenn sie nicht die gewesen wäre, die sie war – aber die war sie eben: Nombeko war die Analphabetin, die rechnen konnte.“

Wie bei seinem Debütroman spielt Jonas Jonasson mit wirren Zufällen, die die Geschichte seiner Protagonistin prägen. Nombeko wächst in einem der größten Slums Südafrikas auf und kann, wie die Mehrheit der Menschen dort, nicht lesen – ist dafür aber ein kleines Rechengenie. Und hier beginnen die teilweise absurden Zufälle. Wegen eines Autounfalls wird sie gezwungen, für einen Ingenieur zu arbeiten, der einen perfiden Geheimauftrag hat: Er soll sechs Atombomben bauen! Eine siebte Bombe entsteht – ebenfalls durch einen seltsamen Zufall –, was der Ingenieur aber gekonnt verschweigt. Als dieser dann stirbt, stellt sich die Frage, was mit der überzähligen Bombe passieren soll, damit sie nicht in die Hände machtgieriger Gruppen gerät – wie zum Beispiel dem israelischen Geheimdienst. Also lässt Jonas Jonasson seine Protagonistin fliehen, und zwar mitsamt Atombombe. Und was für ein Land wäre hierfür geeigneter als Schweden? Dort spielt sie ein gefährliches Spiel mit den mächtigsten Menschen des Erdballs, schafft es aber, diese an der Nase herumzuführen und sich gekonnt aus brenzligen Situationen zu retten.

Vom Stil her steht „Die Analphabetin, die rechnen konnte“ Jonassons „Hundertjährigem“ in Nichts nach. Er überzeugt durch schwarzen Humor, witzige und charmante Charaktere und skurrile Übertreibungen. Aber genau diese Übertreibungen und zum Teil äußerst seltsamen Zufälle schaden dem Gesamtbild des Romans. Jonassons Protagonistin ist und bleibt eins: Das kindlich-naive Mädchen, dass es – wie auch immer – schafft, mit den großen und mächtigsten Menschen zu spielen. Nombeko ist dem Leser zwar unglaublich sympathisch, aber ihre Naivität und die an den Haaren herbeigezogenen Wendungen im Roman machen die Geschichte zäh und mürbe.

Insgesamt will Jonasson mit seinem Roman unterhalten und schafft dies auch, zumindest durch seinen Stil. Hier bekommt der Leser das gleiche Paket wie bei seinem Debütroman: Witz und Satire auf hohem literarischem Niveau. Die Handlung aber bleibt schwammig, zu willkürlich und an vielen Stellen zu oberflächlich, was dem ganzen Roman nicht unbedingt zu Gute kommt. „Die Analphabetin, die rechnen konnte“ ist zwar ein gelungener Unterhaltungsroman, mehr aber leider nicht. Vielleicht sollte der Autor in seinen kommenden Romanen mal etwas anderes ausprobieren. Ein wenig mehr charakterliche Tiefe würde der Geschichte zum Beispiel eine weitere Ebene als nur die der puren Unterhaltung verleihen.  Denn der Stoff für absurde Charaktere, die irgendwie mit politischen Mächten zusammentreffen könnten, wird ihm sicher sobald nicht ausgehen.

Titel: Die Analphabetin, die rechnen konnte
Autor: Jonas Jonasson
Herausgeber: carl’s books
Erschienen am: 15.11.2013
Umfang: 443 Seiten
Preis: 19,99 € (gebundene Ausgabe)
ISBN:  978-3-570-58512-2
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10 Kommentare

  1. Hallo Kerstin,
    Da stimme ich dir voll und ganz zu. Ich habe das erste Buch nicht gelesen und bin gleich hiermit eingestiegen. Das Buch ist gut geschrieben, witzig, über längere Strecken auch skurril. Aber manchmal wurde mir das einfach zu viel. Zu viel Zufälle, zu konstruiert, zu sehr an den Haaren herbeigezogen.
    Liebe Grüße
    Maike

  2. Liebe Maike,
    vielen Dank für deinen Kommentar! Nur der Vollständigkeit halber: Ich kann das Buch (noch) nicht beurteilen, meine Gastbloggerin Andrea hat beide Romane gelesen und die Rezensionen geschrieben 😉 Jetzt bin ich natürlich umso mehr gespannt, ob ich das auch so sehen werde … Noch liegen beide Romane nämlich auf meinem SuB 😀
    Grüße
    Kerstin

  3. Hallo!
    Ich habe seinen Debüt-Roman gelesen und war begeistert. Die Satire und der schwarze Humor haben mir so sehr zugesagt, dass ich mehrmals bereits kurz davor war, mir auch seinen zweiten Roman zu kaufen. Deine Rezension lässt mich das Ganze jedoch überdenken. Vielleicht leihe ich mir das Buch erstmal aus, und entscheide dann? Denn deine Rezension lässt dennoch wissen, dass das Buch Spaß gemacht hat. Eine schöne Rezension. Danke dafür.

    Liebste Grüße Ninespo

  4. Hallo Kerstin (oder in diesem Fall Andrea),

    ich kenne das Buch nicht, aber deine Rezension hat mir auch gezeigt, dass es nichts für mich wäre.
    Handlungen, die zu konstruiert bzw. zu unlogisch (und zu viele Zufälle sind das, denke ich) sind, kann ich nicht gut lesen. Vielleicht steht mir da mein Beruf im Weg, wo ich viel mit Logik zu tun habe, auf jeden Fall stört mich so etwas an Geschichten sehr.

    Viele Grüße
    Jannes

    1. Lieber Jannes,
      das kann ich voll und ganz nachvollziehen! Vielleicht wäre aber Arnon Grünbergs „Der Mann, der nie krank war“ etwas für dich? Eine Rezension findest du auch hier. Das Buch besteht zwar auch aus vielen Zufällen, hat aber eine Ernsthaftigkeit und dennoch Ironie mit dabei … ich kann’s gar nicht genau beschreiben, es ist jedenfalls echt toll! Und es wirkt nicht zu abgedreht, sondern hat eher das Unheimliche an sich, dass diese Zufälle jedem passieren könnten und man dann, wie der Protagonist, am Ende … Pech hat.

      Grüße
      Kerstin

      1. Hallo Kerstin,
        ich schaue mir die Rezi mal an und lese mal rein. Danke.

        Gruß
        Jannes

  5. Ich bin da auch voll und ganz auf deiner Seite. Besser hätte man es nicht ausdrücken können. Ich kann auch nichts mehr hinzufügen.

  6. Schön geschrieben! Ich habe das Buch noch nicht gelesen, will es aber unbedingt nachholen, weil mir der Hundertjährige so gut gefallen hat. Aber wenn irgendwie nur wenig Neues kommt, verschlägt mir das gerade ein bisschen die Lust. 😀

  7. Mir gefiel der Hundertjährige überhaupt nicht. Ich glaube, das ist ein Buch, an dem sich die Geister scheiden. Ich habe jetzt schon viele positive Rezensionen gelesen, aber meins war es absolut nicht. Insofern denke ich, wäre dieses Buch auch nichts für mich. 🙂 Happy #BuBlo14.

  8. Hallöchen Andrea,
    puh ich hatte das Buch schon mehrfach im Blick, aber jetzt nach deiner Rezi ist es auf der Wunschliste wohl wieder etwas tiefer gerutscht. Glaub es wird noch lange dauern, bis es mal im Regal landen sollte ..
    Übrigens: Schöne Art die Rezi zu schreiben, finde ich sehr angenehm 🙂
    Liebe Grüße Ela

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