Von pubertierenden Mädchen zu Hühner-Voodoo: Hortense Ullrich

Wenn man von Autoren nur eine bestimmte Reihe kennt, oder ihr literarisches Werk lediglich innerhalb eines bestimmten Genres verfolgt, kann man die eine oder andere Überraschung erleben: So geschehen kürzlich an der Kasse einer Kölner Buchhandlung, als ich beim Warten einen Blick auf den wohlplatzierten Grabbeltisch warf und plötzlich stutzte: Hortense Ullrich? Die kenne ich doch noch von den Mädchenbüchern, die ich gelesen habe, als ich zwölf oder so war. Dazu passt das Cover aber gar nicht! Und „Hühner-Voodoo“ klingt auch nicht nach Teenie-Romanze oder Pubertätsproblemen. War es dann auch nicht – gekauft habe ich es trotzdem, oder besser gesagt: gerade deswegen.

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Ein paar kleine Parallelen gibt es dann doch: Immerhin sind unglückliche Liebesgeschichten einer der Aufhänger des Buches. Statt dem ersten Händchenhalten sind aber Heiratsfragen an der Reihe, und eine ganze Menge Aspekte, die doch eher dagegen sprechen; zumindest zunächst.
Für Gwendolyn Herzog von Wohlrath ist aber genau das erst einmal eine gute Sache: Schließlich kann die frisch gebackene Psychologin ohne Ausbildung oder Zulassung (auch passionierte Hochstaplerin genannt) ganz gut von den Problemen eines Frederik Ackermann profitieren:

Enddreißiger und Leichenbestatter aus Leidenschaft. Er würde gerne heiraten, allerdings gibt es da ein Problem: Seine Heiratsanträge sind tödlich.“

Was kurios klingt, wird noch einiges verzwickter, als Gwendolyn herausfindet, dass er nicht lügt. Seine letzten zwei Verlobten sind tatsächlich am Tag des Heiratsantrags gestorben. Und selbst, wenn das nicht wäre, ist da immer noch sein Beruf, der alle anderen Heiratswilligen abschreckt: Mit dem Leichenwagen möchten doch die wenigsten zum Date abgeholt werden. Frederik hat eine Beratung also wirklich dringend nötig. Doch ob Gwendoly die Richtige dafür ist?
Für den Moment ist er ihr jedenfalls eine gute Einnahmequelle, zusammen mit dem, was das Hühner-Voodoo ihrer Untermieterin und Praxis-Miteigentümerin Bernadette Kunz abwirft. Die im Gegensatz zu Gwendolyn auch an das glaubt, was sie tut: Seitdem sie im Jugendalter von amerikanischen Nachbarn in die Geheimnisse eines Wishbones, dem bei Vögeln zu einem V-förmigen Knochen zusammengewachsenen Schlüsselbein, eingeweiht wurde, befragt sie zu allen wichtigen Entscheidungen einen solchen Knochen. Da Truthahnknochen doch etwas schwer zu bekommen sind, nimmt sie dafür Hühnchen: Die bekommt man schließlich schon gebraten an jeder Ecke. Und lecker findet Bernadette sie auch.
Für Gwendoly hätte es ewig so weitergehen können, leider macht ihre Nichte Britta ihr aber einen Strich durch diese Rechnung: Sie verliebt sich in Frederik Ackermann und auch er fühlt sich zu ihr hingezogen. Schnell haben sie eine Beziehung und da sie beide doch schon etwas fortgeschrittenen Alters sind, bleiben auch Gedanken an eine Eheschließung nicht lange fern. Das ist der Zeitpunkt, an dem Gwendolyn das Ganze nicht mehr unterhaltsam findet: Gemeinsam mit Bernadette geht sie den mysteriösen Todesfällen von Frederiks bisherigen Verlobten auf den Grund – im Zweifel auch mit Hühner-Voodoo.

Wenn es scheinbar nicht noch skurriler werden kann, wird es absonderlicher: Die Geschichte schreckt wirklich nicht davor zurück, immer noch eins draufzusetzen. Aber irgendwie nimmt man es der Geschichte dennoch ab – es ist so unglaublich, dass es fast schon wieder glaubwürdig wird. Zumindest auf eine sehr sonderbare Art und Weise.
Wer unterhalten werden möchte und nicht vor etwas speziellerem Humor zurückschreckt, macht mit „Hühner-Voodoo“ auf jeden Fall so schnell nichts falsch.
Und noch ein Tipp für generell: Falls Autoren aus Kindertagen keine All-Age-Romane schreiben, die man auch später noch lesen mag, so haben sie vielleicht doch das eine oder andere Buch für Nicht-Teenis in ihrem Repertoire…

Titel: Hühner-Voodoo
Autor: Hortense Ullrich
Herausgeber: Wunderlich
Erschienen am: 01.08.2014
Umfang: 288 Seiten
Preis: 9,99 € (Paperback)
ISBN:  978-3-499-26658-4

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