Mittendrin Mittwoch: Hier bin ich

Mittendrin Mittwoch

Mittendrin Mittwoch ist eine Aktion von read books and fall in love. Dabei geht es darum, das Buch, das man gerade liest und das einen beschäftigt, ganz kurz vorzustellen. In meinem Fall ist das Hier bin ich von Jonathan Safran Foer.

Und der hält mich ganz schön auf Trab. Denn so richtig weiß ich noch nicht, ob er mir gefällt oder nicht. Da gibt es seitenweise Dialoge, die Tempo bringen und vor allem Unterhaltung, dann Passagen voller Reflektion und philosophisch angehauchten Einsichten, und dann wiederum Zeitsprünge, die mich ein wenig verloren zurücklassen. Gesprickt ist das ganze mit Elementen der jüdischen Kultur, die einem Nicht-Juden erstmal wenig sagen. Ich merke, wie es mich beim Lesen langweilt, wie ich genervt bin von so viel Bedeutungsschwere. Gleichzeitig merke ich, wie mich das Lesen bereichert, muss bei dem einen oder anderen Dialog schmunzeln. Ich bin hin- und hergerissen. Und mittlerweile auf Seite 170.

Gerade gelesene Zeilen …

Am selben Tag, als Oliver Sacks starb, erzählte Jacob seinen Söhnen vom Leben seines Helden, erläuterte ihnen dessen vielfältige Interessen, seine unterdrückte Homosexualität, die berühmte Anwendung von L-Dopa sowie die Tatsache, dass der neugierigste und engagierteste Mensch der letzten fünfzig Jahre über dreißig davon zobalitär gelebt hatte.

„Zölibatär?“, fragte Max.

„Ohne Sex zu haben.“

„Und?“

„Deshalb war er versessen darauf, alles in sich aufzunehmen, was die Welt zu bieten hatte, sich selbst aber konnte oder wollte er nicht mit anderen teilen.“

„Vielleicht war er impotent“, merkte Julia an.

„Nein“, sagte Jacob, dessen Wunde aufbrauch, „er hat nur …“

„Vielleicht war er einfach geduldig.“

„Ich lebe zölibatär“, sagte Benjy.

„Du?“, sagte Sam. „Du bist Wilt Chamberlain.“

„Nein, egal wer das ist, ich bin es nicht, und ich habe meinen Penis noch nie in das Vaginaloch einer anderen Person gesteckt.“

Generell geht es in dem Buch unheimlich viel um Sexualität. Dauernd denkt jemand ans Onanieren, tut es, spricht über Sex, stellt sich Sex vor, reflextiert den Sex von vor weiß Gott wie vielen Jahren – es ist ein wenig ermüdend, dass hier die Schiene „Sex als psychologisierendes Element“ quasi nonstop gefahren wird.

Und auch sonst ist vieles sehr „bedeutungsschwer“. Während ich es eigentlich liebe, verstreut immer wieder Details zu entdecken, die banal erscheinen, aber auf der psychologischen Ebene von Bedeutung sind und so viel über den Charakter einer Figur erzählen, werde ich von Jonathan Safran Foer damit beinahe erschlagen.

Hier bin ich wird von vielen Bloggern und Journalisten begeistert besprochen. Ein „holpriger Start“ wird dem Buch attestiert, dass es sich aber nach einer Weile lohnen würde.

Tweet von @Nordbreze

Und während die meisten Dialoge mich doch unterhalten können, zieht sich das Lesen bisweilen wirklich hin. Doch ich schlage mich weiter durch und hoffe, dass es noch „richtig, richtig toll“ wird …

Meine nächsten Zeilen …

Die Verteidigung seines Zölibats war irgendwie lustig. Seine Erwähnung des „Vaginalochs einer anderen Person“ war irgendwie lustig, doch er ließ alle paar Minuten wesentlich frühreifere und amüsantere Bemerkungen vom Stapel, und dies war keine Metapher oder versehentliche Weisheit. Sie rührte nicht an blank liegenden Nerven. Trotzdem war Julia jetzt zum ersten Mal seit dem Fund des Handys gezwungen, Jacob in die Augen zu schauen. Und in diesem Moment erfüllte ihn die Gewissheit, dass sie wieder zueinanderfinden würden.

Übrigens: Nächste Woche bin ich auf KaiserTV zu Gast. Dort werden wir über Hier bin ich von Jonathan Safran Foer und Binde zwei Vögel zusammen von Isabelle Lehn sprechen. Ich bin gespannt!

9 Kommentare

  1. Irgendwie ist der Autor einfach nichts für mich aber ich kann diesen Zwiespalt, ob einem das Buch gefällt, kenne ich sehr gut.
    Zuletzt ging es mir ähnlich bei „Auerhaus“.
    Der Anfang war recht holprig aber im Endeffekt hat mich die Geschichte voll und ganz in ihren Bann gezogen.
    Ich wünsche Dir, dass es Dir bald auch so geht und das Buch Dich noch so richtig fesselt.
    Liebe Grüße
    Ela

    1. Hallo Ela,
      ich hab bisher nur so viel Positives über den Autor gehört – und durch mein Literaturstudium steht vor allem „Tree of Codes“ noch auf meiner Wunschliste. Aber mit „Hier bin ich“ kämpfe ich wirklich noch …
      Vielen Dank 🙂
      Ganz liebe Grüße
      Kerstin

  2. Hey Kerstin,

    Ja, das Buch ist schwer und tief. Aber auch ich glaube, dass es lohnt. Gerade im zweiten Teil geht es auch weniger um Sexualität als um persönliche Apokalypsen, Verlust und Entwicklung.
    LG
    Eva

    1. Hallo Eva,
      vielen Dank für’s Mutmachen 🙂 Da bin ich ja dann doch gespannt.
      Liebe Grüße
      Kerstin

  3. Hallo Kerstin,

    momentan finde ich die unterschiedlichen Meinungen zum Buch fast schon interessanter als das Buch selbst. Ich bin mir noch unschlüssig, ob das Buch etwas für mich ist oder nicht.

    Ich wünsche dir viel Spaß beim weiterlesen und dass es für dich noch richtig toll wird.

    LG
    Julia

    1. Hallo Julia,
      und vielen Dank. Ja, die Meinung anderer zu lesen ist bei diesem Buch schon spannend. KiWi selbst hat in einem Tweet mal geschrieben, dass es so ein „Man liebt es oder man hasst es“-Fall ist. Das ist wohl auch ein Grund für eine etwas längere (knapp 50 Seiten lange) Leseprobe auf der Homepage.
      Liebe Grüße
      Kerstin

  4. Huhu!

    Ich habe auch schon überlegt, mal nach diesem Buch zu greifen, denn es klingt sehr interessant. Ich mag es ja, wenn ein Buch philosophisch angehaucht ist, aber das ist wirklich eine Gratwanderung – wenn es zu trocken wird, nervt es mich dann auch.

    Es klingt so, als könnte mir das Thema Sex in diesem Buch auch ein wenig zu viel werden, denn meist gefällt es mir nicht, wenn alles Psychologische immer zwanghaft mit dem Sexuellen verbunden wird. (Freud lässt grüßen!)

    KaiserTV kenne ich gar nicht, das werde ich mir gleich mal anschauen!

    LG,
    Mikka

    1. Hallo Mikka,
      vielen Dank für deinen Kommentar 🙂 Mittlerweile finde ich die Diskussion um dieses Buch schon echt spannend – da bin ich wirklich froh drum, dass ich’s gerade lese. Denn wenn ein Buch jedem gefällt (oder auch nicht), ist das langweilig – wenn man sich aber austauschen kann, neue Seiten entdecken, Aspekte aus einem anderen Bickwinkel betrachtet, dann ist das ja eigentlich genau das, wofür wir Blogger brennen, oder?
      (Und: Oh ja, Freud. Freud, so viel Freud.)
      Liebe Grüße
      Kerstin

  5. Huhu!
    Das Buch begegnet mit immer mal wieder, gehört aber nicht wirklich in mein Leseschema und auch wenn ich bei der Thematik nicht prüde bin, so wird mir der Sex mit all seinen Facetten einfach zu ausgiebig beschrieben.

    Dir aber viel Lesefreude 😉
    Liebe Grüße
    Janna

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