Marius Sandmanns fünfter Fall: Kölner Wahn

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In seinem fünften Fall soll Marius Sandmann eine Kunstraub-Serie in einer Kölner PR-Agentur aufklären, eine Verdächtige gibt es auch schon – man müsste es ihr nur noch nachweisen können. Eigentlich recht schnell und problemlos zu erledigen … wäre da nicht noch der andere Fall, in den der Privatdetektiv unversehens hineinschlittert, und der auch noch direkt unter seiner Nase entsteht.

„Das Gesicht hinter den schwarzen Streifen, die sich zu einer Reihe von Gitterstäben formten, den Totenschädel, erkannte er. Es war seines. Der Obdachlose hatte ihn gemalt. Offensichtlich hatte er ihn an einem der vergitterten Fenster beobachtet.
Der Detektiv beugte sich wieder nach vorne, um sein Porträt genauer zu betrachten. Es war bemerkenswert gut gezeichnet, die Linienführung akkurat, die Details fast schon beängstigend perfekt getroffen.“

Dieses Bild ist der Auftakt für Marius Sandmanns späteres Interesse an dem Künstler. Das und die Tatsache, dass der Obdachlose in seinem Keller verbrannt ist – von der Polizei als Unfall deklariert, wittert der Privatdetektiv einen Mord. Auf eigene Faust macht er sich an die Ermittlungen und stößt dabei schon nach den ersten Metern auf Widerstand: Um mehr über den nun Toten herauszufinden, versucht Marius Sandmann, Informationen bei anderen Obdachlosen einzuholen und stößt nicht gerade auf Gesprächsbereitschaft. Trotzdem sucht er weiter – jetzt erst recht!
Nach und nach findet er Spuren, die ihn in die Vergangenheit des Künstlers führen. Diese enthüllt mehr Zeichnungen, eine verstörender und düsterer als die nächste.

„Dämonen, Teufel, Feuer, Waffen, Gewalt, düstere, durch Rauch verdunkelte tiefschwarze Himmel, grelle orange Flammen, blutüberströmte Böden, drumherum eine Art Waldlandschaft. […] Alle waren in Bewegung, stürzten sich aufeinander, zerfleischten und töteten sich gegenseitig, wandten sich im gleichen Augenblick dem Betrachter zu, als wollten sie ihn in die blutige Orgie des Gemetzels hineinzerren.“

Und schließlich stößt der Privatdetektiv auf ein zuvor gutgehütetes Familiengeheimnis, einen weiteren Mordfall. Zu diesem Zeitpunkt hat Marius Sandmann einige Kunstdiebe gegen sich aufgebracht, die nicht davor zurückschrecken ihn mit Gewalt einzuschüchtern. Er hat sich mit ehemaligen Partnern entzweit, die ihm Steine bei den Ermittlungen in den Weg legen. Und nun hat er auch noch einen Mörder aufgeschreckt, der alles dafür tun wird, dass sein Geheimnis gewahrt bleibt.
Was er bislang noch nicht bemerkt hat, sind die Ermittlungen, die Kriminalhauptkommissarin Paula Wagner begonnen hat und die sich mit Marius Sandmann befassen. In einem früheren Fall, an dem der Privatdetektiv beteiligt gewesen ist, sind ihr Ungereimtheiten aufgefallen … mit der Wiederbeschaffung eines Bildes von Max Ernst – und dem Verschwinden von Bruno Weiß.
So sitzen Marius Sandmann schließlich einige Parteien im Nacken, die aus verschiedenen Gründen und zum Teil durchaus wortwörtlich seinen Kopf wollen.

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Outsider-Kunst von Julius Klingebiel (Rekonstruktion) © Sprengel Museum

Kunstinteressierte kommen bei diesem Krimi auf jeden Fall auf ihre Kosten – zumindest wenn sie sich auch für die Kunst interessieren, die ihnen nicht zwangsläufig im Museum begegnet. Einmal mehr lässt Stefan Keller seinen Kölner Privatdetektiv durch die Domstadt streifen und nach Spuren suchen, ganz nach dem Motto: Kunst muss mit und auch (oder vor allem?) gestählte Männer bekommen des Öfteren eins auf die Nase. Mit der Kunst kann ich mich sowieso gut anfreunden und wäre der Herr Detektiv mit all seiner Verkorkstheit nicht so, wie er eben ist, wäre er mir auch nicht sympathisch. So aber folge ich ihm gerne, wenn er sich durch den Kaninchenbau zwar nicht ins Wunderland, aber in eine andere Welt begibt: auf Platte, zu den Obdachlosen. Durch die unterschiedlichen Erzählstränge und auch zum Teil wechselnden Perspektiven ist es nicht immer leicht, der Geschichte zu folgen, dafür entsteht aber das Gefühl, sich zusammen mit Marius Sandmann durch alle Verstrickungen zu arbeiten, die er zu lösen hat. Vorhersehbar ist dementsprechend anders – und das wäre bei einem Krimi sowieso nur in den seltensten Fällen wünschenswert. Am Ende bleibt vor allem die Frage, wie es weitergeht … zwar sind die Fälle weitestgehend gelöst, aber das heißt ja nicht unbedingt, dass schon aller Tage Abend ist. Das wäre zumindest einem ganz bestimmten Kölner Privatdetektiv zu wünschen.

Was sonst noch zu sagen wäre:
Outsider-Kunst, wie sie in diesem Krimi um einen obdachlosen Künstler im Mittelpunkt steht, hat den Autor auch zu der Geschichte inspiriert – genauer gesagt: das Zimmer des Künstlers Julius Klingenbiel im Göttinger „Verwahrhaus“. Diese von Jean Dubuffet ursprünglich als Art brut bezeichnete Kunstform beschreibt autodidaktische Kunst von Laien, Kindern und Menschen mit einer geistigen Krankheit und/oder Behinderung. In den letzten Jahren hat diese Kunstströmung stetig an Popularität gewonnen.

Kölner Wahn (Privatdetektiv Marius Sandmanns 5. Fall)
Stefan Keller
(Gmeiner Verlag, 2015)
Paperback, 312 Seiten
ISBN: 978-3-8392-1749-8
Link zum Buch: Kölner Wahn

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