LongListLesen #2: Thomas Hettche „Pfaueninsel“

14-09-22 Pfaueninsel

Es ist ein wunderschönes Cover, welches den Roman „Pfaueninsel“ von Thomas Hettche ziert: auf einem Einband aus blau-grünlichem Stoff der Aufdruck einer weißen Pfauenfeder. Es ist ein Einband, der direkt zum Träumen einlädt. Und so zieht auch Hettche den Leser mit sich in eine alte Welt: sprachlich, zeitlich, mit Zwergen und Riesen. Wir begleiten Marie, eine Zwergin – Kleinwüchsige, wie wir heute sagen würden -, und ihren Zwergenbruder Christian, beginnend im Jahr 1810 in Preußen, als sie als Kinder auf die Pfaueninsel gebracht werden. Wir lernen Gustav kennen, spüren, wie Marie und er sich ineinander verlieben und doch nicht beisammen sein können – weil Marie immer anders bleiben wird. Ein Monster. Monster, ein Wort, welches sie ihr Leben lang begleiten und prägen wird.

Hettche erzählt von einer vergangenen Zeit, von Geschichte, von Mode und von Menschen, und veranschaulicht den Wandel der Gesellschaft anhand des Wandels in der Gärtnerei. Er zeigt, wie die Natur dem Künstlichen weichen muss, wie exotische Tiere auf der Pfaueninsel in Käfigen gehalten und begafft werden, in einem Käfig, wie die Pfaueninsel einer für Marie ist. Es ist der Aufbruch in ein neues Zeitalter: Exotische Tiere als Statussymbol weichen Dampfmaschinen, die Technik ist auf dem Vormarsch, künstlich angelegte Schönheit kann nur mit künstlicher Bewässerung überleben. Die Natur wird verändert – und Marie erlebt all dies, erlebt die Blicke der Menschen, das Gaffen, und weiß, dass sie nicht in diese Welt gehört, ein Fehlgriff der Natur ist, als Monster gehalten wird und wie ein exotischer Löwe auf der Pfaueninsel leben muss, um die Macht Preußens zu demonstrieren. Jede Veränderung auf der Insel ist für sie ein frevelhafter Eingriff in die Natur, und doch fühlt sie sich unter den Tieren, unter den Kängurus und Löwen und Kapuzineräffchen am Wohlsten.

„Man spürt hier noch viel von der alten Zeit. Nur an wenigen Orten in Preußen ist sie noch so gegenwärtig.“

Doch in „Pfaueninsel“ geht es nicht nur um die Darstellung einer anderen Zeit, um das Miterleben der europäischen Geschichte, die doch nur durch Namen und kurze Eckdaten auf die abgeschiedene Pfaueninsel dringt. Der Leser erfährt viel über Schönheit: wie Marie mit sich ringt und versucht, ihren kleinwüchsigen Körper mit diesem Begriff in Einklang zu bringen und doch oft scheitert, wie Philosophen der Zeit über den Begriff dachten und letztendlich auch, wie Schönheit sich in der Landschaft und Gärtnerei widerspiegelt. Es sind eine Menge tiefgründiger Gedanken und Philosophie in die Geschichte verwoben, die der Leser heraus filtern muss, langsam in sich aufsaugen und verarbeiten. Und so ist „Pfaueninsel“ ein Roman, der vor allem eins tut: Aus dem Alltag in eine andere Welt führen. Hettche schafft es durch seine Erzählweise das Lesetempo enorm zu drosseln – diesen Roman kann man gar nicht schnell lesen, er strengt an und reißt aber auch gleichzeitig mit. Denn da ist noch eine weitere Komponente: eine Liebesgeschichte, die zum Scheitern verurteilt ist. Gustav und Marie. Marie, die sich danach sehnt, als schön wahrgenommen zu werden, und Gustav, der sie schön findet, es aber nicht zeigen kann und darf – und wie die beiden doch zueinander finden, nur um für immer auseinander gerissen zu werden. Denn als sich das Normale und das Absonderliche verbinden, ist die Katastrophe vorprogrammiert.

„Es gibt in Italien einen Park, der Parco dei Monstri heißt, die Grille eines verrückten Prinzen. Es würde Ihnen dort gefallen, ein Ort voller Groteske und Witz. So, wie die Welt selbst. Dort steht, gleichsam als Motto, auf einem Stein: Solo per toccar il cuore! Nur um das Herz zu berühren. Und das ist doch unsere Aufgabe auf der Welt, nicht wahr? Das Herz der anderen, aber auch unser eigenes. Ganz gleich, wo wir sind.“

Und so schafft Marie es vor allem auf den letzten Seiten hin das Herz des Lesers zu berühren. Hofft man vergeblich auf ein glückliches Ende für sie, die so viel Leid ertragen musste, die so anders ist und sich gleichsam Zuhause fühlt an diesem anderen Ort, der Pfaueninsel, und sich doch wünscht, etwas von der Welt zu sehen.

„Pfaueninsel“ ist ein Roman, der mich im Zwiespalt zurück lässt: Vor allem auf den letzten Seiten war ich voller Mitgefühl für Marie und konnte den Roman kaum beiseite legen, doch ich erinnere mich auch an lange, anstrengende Textpassagen, die mir die Lust aufs Weiterlesen verdarben, an das frustrierende Gefühl, eine halbe Stunde gelesen zu haben und nur drei Seiten weiter zu sein, an die Entfremdung vom Plot und den Charakteren in so manch einer Szene. Und doch, wenn ich zurück blicke, würde ich den Roman vermutlich weiter empfehlen. Denn es ist zwar Arbeit, doch Hettche erzählt auch ein Stück weit Geschichte, gibt seiner fiktiven Geschichte den Rahmen von realen Menschen, belegt durch Daten, Grabsteine und Briefwechsel – wie die kleinwüchsige Marie, die im damaligen Preußen tatsächlich das Schloßfräulein der Pfaueninsel war. Es ist ein schmaler Grad zwischen Fiktion und Wahrheit, und der Leser vermag oft nicht zu unterscheiden. Was mich zu einem weiteren Problem führt: Zwar sind die meisten Namen belegt, gab es viele der handelnden Personen wirklich und auch die Ereignisse im Roman sind oft nah an der Realität, doch wer wenig weiß über die Geschehnisse zwischen 1810 und 1880, hat Schwierigkeiten, alle Andeutungen im Roman zu verstehen und vieles bleibt unerklärt. Genau so verhält es sich mit Lesern, die kein Französisch kennen: Ein paar der Begriffe musste ich tatsächlich googeln, erst recht in entscheidenden Momenten, in denen ganze Sätze auf Französisch gesprochen werden, zum Beispiel, als Gustav voller Verzweiflung Marie gesteht, dass er sie liebe.

Alles Künstliche verschwand in dem Moment, in dem der Wille verschwand, es zu erhalten, und was eben noch modern gewesen war und Versprechen einer neuen Zeit, sank lautlos und kraftlos als Mode zurück ins Vergessen.

Ich weiß also nicht so genau, wie ich „Pfaueninsel“ finde. Ich bin aber sehr froh darüber, dass der Titel auf der Longlist und auch Shortlist des Deutschen Buchpreises gelandet ist, denn ansonsten hätte ich ihn vermutlich nicht gelesen, oder nach wenigen Seiten aufgegeben und mich nicht weiter damit auseinander gesetzt. Ob ich hoffe, dass dieser Titel gewinnt? Ich glaube nicht. Denn ich sehe den Buchpreis als Chance, Menschen, die sonst nicht viel lesen, zur Lektüre zu bewegen. Ich hoffe immer darauf, dass er viele ungeübte Leser dazu bringt, doch zu diesem Stück Literatur zu greifen, das aus so vielen Manuskripten von einer erlesenen Jury auserwählt und als das Beste gekennzeichnet wurde. Sollte „Pfaueninsel“ den Buchpreis erhalten, so hätte ich doch die Sorge und Vermutung, dass viele Leser enttäuscht nach den ersten Seiten aufgeben und sich denken „Hohe Literatur ist nichts für mich“ und dann vielleicht beim nächsten hochgelobten Buch gar nicht mehr versuchen, es zu lesen.

Aber das ist nur meine Meinung. Was haltet ihr denn von Hettches „Pfaueninsel“? Eine weitere Meinung könnt ihr bei Buzzaldrins Bücher lesen.

5 Kommentare

  1. Susanne Rudloff sagt: Antworten

    Ja, ein Buchblog muss absolut subjektiv sein, sonst macht er keinen Spaß. Du hast bewertet und bist dennoch fair geblieben. Hat mir gefallen.

    1. Liebe Susanne,
      vielen Dank für deinen Kommentar! Der wiederum hat mir gefallen =) Und ich freue mich wirklich darüber, dass du dir die Zeit genommen hast, den Beitrag zu lesen!
      Grüßle, Kerstin

  2. […] Pfaueninsel ist ein wahrlich wunderschöner und sehr lesenswerter Roman. Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Wörterrausch. […]

  3. Eine ganz wunderbare Rezension! Du hast mir sehr viel Lust auf dieses Buch gemacht, wenngleich du auf seine Ecken und Kanten hinweist. Aber mir scheint, dass auch schwere, träge Passagen als Spiegelbild des Lebens dienen können, denn auch der Alltag ist manchmal zäh, doch lohnt es sich, sich durchzubeißen. „Pfaueninsel“ ist auf jeden Fall auf meiner Wunschliste gelandet. Vielen Dank für deine differenzierte Meinung 🙂

    1. Freut mich, dass ich dich für das Buch begeistern konnte 🙂
      Ich finde es schon spannend, wie Hettche es zwischen den Zeilen schafft, durch die Beschreibung der Botanik auszudrücken, wie die Menschen Andersartigem (in diesem Falle Marie und den anderen „Monstern“) gegenüber stehen. Ich bin auf deine Meinung gespannt!

Schreib mir, was Du denkst.