LongListLesen #1: Marlene Streeruwitz „Nachkommen.“

Nachkommen

Worauf hatte sie sich da eingelassen. Es war absurd. Da stand sie mit ihrem Rollköfferchen, aus dem sie auch einen Rucksack machen konnte, und fuhr in eine Stadt, in der sie niemanden kannte, aber einen Vater hatte.

Dieses Jahr verfolge ich zum ersten Mal den Deutschen Buchpreis richtig aktiv. Einerseits meines Studium wegen, andererseits wegen diesem Blog – und weil ich dieses Jahr auch zum ersten Mal auf die Frankfurter Buchmesse fahren werde.

Als ich erfahren habe, dass es unter Bloggern die Aktion LongListLesen 2014 gibt, war ich sofort begeistert. Von vielen der Titel auf der Longlist hatte ich schon mal etwas gehört, ein paar der Autoren wie Michael Köhlmeier kommen in den kommenden Wochen auch ins Literaturhaus Köln (wo ich ja gerade mein achtwöchiges Praktikum beendet habe) – die Zusammenfassung dieser Titel auf einer Liste erscheint einfach nur praktisch und logisch. Und dass ich so viele tolle Blogs kennengelernt habe durch diese Aktion, ist natürlich noch ein netter Nebeneffekt. Auch wenn mittlerweile die Shortlist bekannt gegeben wurde, finde ich die Longlist um ein Vielfaches spannender. Natürlich ist es spannend, mitzufiebern, welcher Titel den Preis bekommt. Aber ein solcher Preis ist nun mal auch Geschmackssache einer Jury. Ein eigenes Urteil möchte ich mir aber bilden, und deswegen versuchen, jeden Titel der Longlist zu lesen.

Womit also besser den Einstieg finden in den Deutschen Buchpreis als mit einem Roman, der während und auf der Frankfurter Buchmesse spielt?, dachte ich – und begann, „Nachkommen.“ von Marlene Streeruwitz zu lesen. Dass dies kein einfacher Einstieg war, weiß ich jetzt. Denn darüber, dass „Nachkommen.“ es nicht auf die Shortlist geschafft hat, bin ich eigentlich ganz froh.

Das Projekt von Marlene Streeruwitz finde ich eigentlich sehr spannend: Sie erschuf ihre Protagonistin Cornelia Fehn, Anfang 20, die sowohl ihre Mutter, Autorin und Feministin, als auch kürzlich ihren „Opi“ verloren hat, der nach dem Tod der Mutter ihr einziger Ersatz für so etwas wie Familie gewesen ist, auch wenn das Verhältnis nie richtig herzlich gewesen zu sein scheint. Ihren Vater kennt sie nicht, er wollte mit ihr nie etwas zu tun haben. Cornelia steigt in die Fußstapfen ihrer Mutter und schreibt selbst einen Roman, „Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland“, der auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis landet. Am Tag der Beerdigung ihres Großvaters macht sie sich auf den Weg nach Frankfurt, in der Hoffnung auf das Preisgeld, mit dem sie die Operationen für ihren griechischen Freund Mario bezahlen könnte, der in Griechenland für Freiheit und Gerechtigkeit kämpft. In Frankfurt muss Nelia erfahren, dass sich im Literaturbetrieb alles um Geld dreht, dass viel männliche Dominanz herrscht und sie aufgrund ihrer jungen Jahre herum gereicht wird, ohne wirklich ernst genommen zu werden.

Das war die Buchmesse und nicht die Literaturmesse. Was hatte sie geglaubt.

Stattdessen trifft sie dort auf ihren leiblichen Vater, gewinnt den Preis zwar nicht, dafür aber eine Menge Einsicht in den Literaturbetrieb. Ihr Ziel, sich mit diesem Preis von ihrer Familie der Kleindenker loszusagen, schlägt fehl. Ihr anfänglicher Wunsch bleibt unerfüllt.

Sie wünschte sich eine Waffe. Sie wünschte sich diese Waffe und wollte sie immer mit sich führen. Zu ihrer Gerechtigkeit. Sie wollte sich Gerechtigkeit verschaffen. Sich und ihrem Leben und aus diesen Umständen hinaus. Sich und ihrer Geschichte Gerechtigkeit verschaffen. Sie hatte gedacht, mit dem Preis für ihren Roman könnte sie das erreichen. Aber diese Leute da. Diese Tanten und Onkel und Großmütter und diese vielen anderen. Die lebten mit einer anderen Währung. Die waren nicht beeindruckt. Die setzten alles außer Kraft mit ihren Bewertungen. Für die galt nichts. Die Iris hatte gesagt, es wäre schön, dass so ein Zufallserfolg die Cornelia getroffen hätte, aber sie. Sie. Die Iris. Sie habe eben noch nicht zu schreiben begonnen, und deshalb habe Cornelia das Feld. Als hätte sie ihr den Preis überlassen. So hatte sie das gesagt. Zum Markus natürlich. Direkt zu ihr hätte sie nur Freundlichkeiten gesagt. Irgendwelche Freundlichkeiten, die weh taten.

Was wirklich spannend an dem Projekt ist: Marlene Streeruwitz schrieb unter dem Pseudonym „Cornelia Fehn“ den Roman, um den es in „Nachkommen.“ geht. Er wird noch diesen Monat im Fischer Verlag erscheinen. Das Spiel mit der Realität, mit Fiktion und Form und Literatur mit ihren Möglichkeiten, reizt. Auch Streeruwitz‘ ungewöhnlicher Umgang mit Interpunktion reizt zunächst, hinzu kommt ihr Staccato-Stil, ihre Ellipsen, eine Konnotation, die sich an die andere reiht. Dies alles zieht einen auf den ersten Seiten förmlich in die Geschichte, die in einer Leichenhalle beginnt. Man fühlt mit Nelia, die an diesem wichtigen Tag Abschied nehmen muss von ihrem Opi und sich nun vollkommen alleine fühlt. Mit diesem Gefühl muss sie auf die Frankfurter Buchmesse, eine der größten Messen der Welt, ohne dass sie jemand an die Hand nimmt. Stattdessen muss sie sich alleine mit ihrem eigentümlichen Verleger auseinander setzen, hat Geldsorgen und ihren Mantel vergessen. Doch der Stil, der anfänglich noch reizt, wird nach den ersten fünfzig Seiten anstrengend. Zu dicht sind die Bilder, die Sprache immer gleich klingend. Was mich vollkommen raus gebracht hat, war die Interpunktion in der wörtlichen Rede. Irgendwann verloren die Punkte ihre Wirkung, wurden nur noch nervtötend und zerstörten jedes Lesevergnügen.

Was hinzu kommt ist, dass Nelia eine alles andere als sympathische Protagonistin ist. Sie wirkt vollkommen handlungsunfähig und wie das Abbild eines Klischees. Ob das gewollt ist, ist schwer zu beurteilen. Nelia ist nicht nur Feministin, sondern auch Vegetarierin, geht containern, schaut dauernd auf ihr Handy, um sich zu orientieren. Sie wirkt wie jemand, der aus der Perspektive von älteren Generationen wie die typische Mittzwanzigerin aussehen muss. Seitenlang beklagt sie sich, dass sie Hunger hat, aber sie unternimmt nichts dagegen. Selbst als sie containern geht, packt sie das Obst weg für später. Sie friert, weil sie ihren Mantel vergessen hat, aber sie geht natürlich nur in Second Hand Shops. Und als ihr die Farbe der dort angebotenen Mäntel nicht gefällt, geht sie wieder. Sie hat Geldsorgen, aber ihren Verleger spricht sie nie drauf an. Sie ist vollkommen handlungsunfähig, und irgendwann wurde ich richtig ungeduldig, hätte sie am liebsten geschüttelt, dass sie endlich aufwacht. Auch die anderen Charaktere im Roman wirken wie Abbilder von gängigen Klischees, es gibt nicht eine einzige Figur, mit der ich so etwas wie Sympathie oder Empathie empfunden hätte, auch Spannung bleibt vollkommen aus.

„Aber ich bin nicht aggressiv.“, sagte sie dann.
„Nein. Aber arrogant.“ Jetzt war er aggressiv.
„Das ist nicht schwer zu verstehen, wenn man bedenkt, dass wir nach euch allen aufräumen müssen. Ihr habt doch keinen Augenbick daran gedacht, was ihr hinterlasst. Es ist immer nur um euch gegangen. Als wärt ihr die Letzten.“ 

Die Presse schreibt viel von gelungen abgebildeter Lebenswut. Leserwut trifft es für mich eher. Denn selbst wenn all diese Mittel der Entfremdung gewollt sind, die Message bleibt für mich aus. Ich gehöre zu der Generation, zu der Streeruwitz‘ Protagonistin gehört, und dennoch geht sie mir auf die Nerven, kann ich mich nirgends mit ihr identifizieren, ihre Wut auf vorangegangene Generationen nicht verstehen, und finde ihr komplettes Auftreten als Vegetariern, Feministin und was nicht alles als überzogen und enorm unsympathisch.

„Ich kritisiere nicht. Ich lehne ab. Ich lehne jede Verantwortung für alle diese Erbschaften ab, mit denen ich belastet werde. Jede Verantwortung.“

Stattdessen wirkt sie auf mich unsympathisch und ich war froh, als ich das Buch zuklappen konnte. Ob ich jetzt einen Einblick in den wahren Literaturbetrieb bekommen habe? Ich kann es mir kaum vorstellen. Denn mit Nelia Fehn habe ich ja ebenso wenig einen wahren Einblick bekommen in meine Generation.

Und so bin ich wirklich erleichtert darüber, dass „Nachkommen.“ nicht auf der Shortlist gelandet ist. Am 29. September kommt Marlene Streeruwitz nach Köln ins Literaturhaus (Infos hier) und ich freue mich nichtsdestotrotz auf diese Lesung – vielleicht wird sie meine Sicht auf den Roman noch einmal ändern.

Solange interessiert mich aber: Was haltet ihr von „Nachkommen.“? Hat es euch gefallen? Warum/ warum nicht?

Schreib mir, was Du denkst.