Karen Köhler: „Wir haben Raketen geangelt“

14-10-13 Köhler Raketen geangelt

Ich lese keine Kurzgeschichten. Ich mag Kurzgeschichten nicht. – Dachte ich bis jetzt. Umso mehr freue ich mich darüber, dass ich bei Karen Köhlers Kurzgeschichtenband eine Ausnahme gemacht habe und mich überzeugen lassen habe. Denn die neun Geschichten in „Wir haben Raketen geangelt“ fesseln nicht nur, sondern sind vor allem literarisch auf höchstem Niveau komponiert.

In ihren Geschichten erzählt Karen Köhler von Menschen, die eine Menge verloren haben und dennoch nicht aufgeben. Verlorene Kinder, verlorene Partner, verlorene Gepäckstücke, verlorene Gesundheit: aber eines verlieren sie nie – die Hoffnung und so abgedroschen das Wort auch klingen mag, den Kampfgeist.

„Wir haben Raketen geangelt“ ist anders. Das beginnt bereits damit, dass ich mir das Buch erst mal basteln musste. Denn schlägt man die aktuelle Auflage auf, sind die knapp ersten dreißig Seiten leer. Die Geschichte „Il Commandante“ gibt es online als Download, da Karen Köhler sie beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb einreichen und dort vortragen wollte – und an den Windpocken scheiterte. Eine ungewöhnliche Krankheit für eine ungewöhnliche Erwachsene.

Doch nicht nur durch die ersten leeren Seiten überrascht Köhler: Es sind vor allem ihre Protagonisten, die anders sind und mit denen sich doch jeder identifizieren kann. Da spricht eine mit einem Indianer im Death Valley und erinnert sich an ihre Kindertage, in denen sie selbst Indianerin sein wollte. Da macht eine den Abwasch, als ihre Jugendliebe auftaucht, und erzählt wie nebenbei vom Doppelgrab ihrer Schwester und ihres ungeborenen Babys. Da flüchtet eine vom All-inclusive-Horror eines Kreuzfahrtschiffes, auf dem sie die Qualle und das Seegras spielt. Es sind kurze Geschichten, die es doch schaffen, von ganzen Leben zu erzählen. Und das tut Köhler mit einer knappen, teils elliptischen Sprache, die den Leser atemlos zurück lässt, es schafft, mit winzigen, aber wichtigen Details Bilder, Gefühle und Situationen zu erschaffen.

Ihre Geschichten unterscheiden sich aber nicht nur durch den Inhalt, auch in ihrer Form bieten Köhler dem Leser ein breites Spektrum: Da hätten wir einen modernen Briefroman, der von einer Liebe auf Postkarten erzählt, dabei einerseits sprachlich knapp und modern ist, andererseits von einer fast vergangenen Romantik erzählt, als man sich noch Postkarten schrieb. Oder ein literarischer Road-Movie inklusive Vegas, Glücksspiel, Verbrechern und Schlägerei. Wir haben Tagebücher und Ausschnitte, präzise gesetzte Absätze und Lücken, Details an genau den richtigen Stellen und Schicksale, die der Leser im Verlauf jeder einzelnen Geschichte selbst zusammen setzen muss.

Es gibt aber auch rote Fädchen, die sich durch die Geschichten ziehen: Die Faszination, dass der Mensch in der Vergangenheit lebt, genau genommen 0,3 Sekunden nach der Gegenwart. Oder Gepäck, dessen sich die Protagonisten mal freiwillig und mal weniger freiwillig entledigen und das doch immer zu etwas Positivem führt.

Ich lese keine Kurzgeschichten. Eigentlich. – Aber ich bin so froh, dass ich es in diesem Falle getan habe. Denn Karen Köhlers Debüt hat mich voll und ganz überzeugt! Und ich kann es jedem nur ans Herz legen. – Nur Saša Stanišić muss ich widersprechen, wenn er sagt

Wollt ihr Geschichten, die euch wärmen in kalten, kalten Nächten?  […] Ja, hier! Hier! Hier!

Denn auch wenn „Wir haben Raketen geangelt“ auch immer Hoffnung spendet, gibt es das eine oder andere Schicksal, von dem ich nicht abends lesen möchte. Wie kein anderes Buch hat dieser Band es geschafft, mich im einen Moment glücklich lächeln und im nächsten schockiert die Hand vor den Mund schlagen zu lassen. Und doch:

Wollt ihr noch mal Indianer sein? Wollt ihr Raketen? Ja, hier! Hier! Hier!

Titel: Wir haben Raketen geangelt
Autor: Karen Köhler
Herausgeber: Hanser Literaturverlag
Erschienen am: 25.08.2014
Umfang: 240 Seiten
Preis: 19,90 € (gebundene Ausgabe)
ISBN:  978-3-446-24602-7
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1 Kommentar

  1. Schöne Rezension! 😉 Zufälligerweise habe ich das Buch gestern aus meinem Lieblingsbuchladen abgeholt und vor dem Einschlafen auch die erste Geschiche gelesen. „Il Commandante“ hat mich sehr berührt, es ist ganz wunderbar, wie Karen Köhler auf 30 Seiten so viele Emotionen hervorzaubern kann in mir. Nach der Geschichte konnte ich auch nicht einfach zu nächsten übergehen, wie ich es sonst so pflege. Ich musste erstmal innehalten und die Handlung sacken lassen. Wunderschön.

    Ich freue mich schon auf heut Nachmittag – dann werde ich mir die zweite Kurzgeschichte gönnen.

    Viele Grüße
    Janine

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