Getreu dem Titel ist „Layers“ von Ursula Poznanski vor allem eins: vielschichtig

Er befand sich noch im Halbschlaf, trotzdem spürte er genau, dass der Hauch, der sein Gesicht streifte, kein Wind war.

Und schon ist der Leser mittendrin in der Geschichte. Dorian ist siebzehn, lebt auf der Straße und scheint jemanden getötet zu haben. So richtig daran erinnern kann er sich nicht, schließlich hat er geschlafen.

„Es war Notwehr.“ Die Stimme des Mannes zitterte, aber nicht allzu sehr. „Ich habe vorhin mitbekommen, wie er dich angegriffen hat, und bin gelaufen, um Hilfe zu holen, aber da war niemand und ich habe mein Handy im Auto vergessen -“ Er fuhr sich durchs Haar und ließ seinen Blick langsam von Emil zu Dorian gleiten. „Ich habe zwar nicht gesehen, wie es passiert ist, aber es war sicher Notwehr“, wiederholte er.

Der Fremde, Nico, arbeitet für eine Organisation, die Jugendliche von der Straße holt. Sagt er zumindest. Doch mangels Alternativen folgt Dorian ihm, landet in Bornheims Villa, wo er gratis Kost und Logie bekommt und sogar in frei wählbaren Fächern unterrichtet wird – nur Deutsch und Ethik sind Pflicht. Dafür müssen die Jugendlichen lediglich Flugblätter gemeinnützlicher Organisationen verteilen.

Alle seine Instinkte schlugen Alarm. Das alles hier war viel zu gut, um harmlos zu sein. Keine Sekunde lang glaubte er, dass irgendjemand aus reiner Menschenliebe junge Leute von der Straße holte, um sie in seiner Villa auf Fünf-Sterne-Niveau einzuquartieren. Schon gar nicht, wenn man annahm, dass sie gerade jemanden getötet hatten.

Dorians Instinkte täuschen ihn nicht, denn bald soll er kleine Päckchen unbekannten Inhalts überbringen. Dabei darf er nur eine Information an die Empfänger weitergeben, nämlich, dass es die zweite Lieferung sei. Mehr weiß Dorian selbst nicht und ist immer wieder verwundert, dass alles gut geht. Bis es dann eines Tages nicht mehr gut geht.

„Sie wollen dich töten, verstehst du?“

Dorian versteht nicht. Aber als die Zustellung des Päckchens scheitert und er nicht am vereinbarten Treffpunkt abgeholt wird, entschließt er sich, nachzusehen, worum es sich bei der zweiten Lieferung handelt.

Mit dem Gegenstand aus dem Etui offenbart sich ihm eine ganz neue Welt. Doch diese Welt kommt nicht ohne Preis, wie er schnell feststellt.

Du hast dich unseren Grundsätzen verpflichtet. Der Kader begrüßt dich als einen seiner Master. Du wirst mehr wissen als alle anderen und dieses Wissen wird dein Lohn und deine Bürde zugleich sein.
Unsere Ziele sind größer als wir, bedeutender als wir und sie rechtfertigen jedes Opfer.
Auch unser Leben.
Auch dein Leben.

Es folgt eine Suche nach Antworten, bei der Dorian ebenso jagt wie er selbst gejagt wird. Stück für Stück muss er das Puzzle zusammen setzen, denn nicht nur er ist in Gefahr, sondern auch seine Freundin Stella, die sich noch in Bornheims Villa befindet. Und die keine Ahnung hat davon, was Dorian mittlerweile weiß.

Dass Ursula Poznanski packende Geschichten schreiben kann, ist bereits seit Erebos mehr als deutlich. Sie zeigt mit Layers ein Mal mehr, dass sie nicht nur weiß, wie man Spannungsbögen aufbaut, Cliffhanger einsetzt und Charaktere entwirft, sondern es auch vermag, aktuelle Themen in ihren Jugendbüchern auf hohem Niveau zu diskutieren. Dabei mutet sie ihren Lesern viel zu: Dorian wird in eine Welt geworfen, in der Realität und Computer verschmelzen, in der es nicht nur eine Ebene gibt. Sie entwirft eine Handlung, in der Augmented Reality nichts mit possierlichen Pokémons zu tun hat, sondern einen weitaus größeren Einfluss nimmt: durch Wissen, durch Manipulation – und immer mit dem Ziel vor Augen, Gutes zu tun. Dabei muss sich der Leser den gleichen ethischen Fragen stellen, denen auch Dorian nicht entkommen kann, sei das nun im Ethikunterricht oder danach, und Poznanski gibt ihren Lesern keine eindeutige Antwort vor und lässt sie selbst entscheiden: Wann ist eine Handlung noch gut? Wenn unterm Strich mehr Gutes als Schlechtes daraus resultiert? – Es sind Fragen, die den Leser noch begleiten, wenn er „Layers“ längst beiseite gelegt hat. Darin besteht die unheimliche Kraft dieser Geschichte. Eine absolute Leseempfehlung nicht nur, weil sie narratologisch beinahe einwandfrei entworfen ist und den Leser mitfiebern, miträtseln lässt von Seite zu Seite – sondern auch, weil sie über die Handlungsebene hinaus zum Denken anregt. (Ähnlich sieht das übrigens Fridtjof Küchemann in seiner Rezension für die Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Ursula Poznanski traut ihren jugendlichen Lesern kniffelige Fragen zu, ohne ihnen die Antworten zu servieren.“)

Lediglich am Ende hätte mehr gefeilt werden können: Genügt Stella als Motivationsgrund für Dorian, sich einzumischen in den Komplott und seinen inneren Helden zu entdecken, so ist sie meiner Meinung nach am Ende nicht ausreichend. Wer die Geschichte gelesen hat, wird die Kritik verstehen und vielleicht auch nachvollziehen können, allen anderen möchte ich aber das Lesevergnügen nicht durch Spoiler verderben. Für mich bleibt die Frage, wieso Ursula Poznanski diese Art von Ende gewählt hat – denn irgendwie bleibe ich ein wenig unbefriedigt zurück. Dorian, der einem über die knapp 500 Seiten wirklich ans Herz gewachsen ist, mit all seinen Ambitionen und Wünschen für die Zukunft scheint irgendwo in diesem offenen Ende verloren zu gehen. Anabelle von Stehlblüten sieht das Ende ähnlich kritisch und schreibt: „Ohne zu spoilern kann ich leider nichts Genaues sagen, außer vielleicht, dass mir am Ende alles etwas zu schnell und glatt verlief. Zwanzig Seiten mehr hätte ich an dieser Stelle dann auch noch verkraftet.“

Nichtsdestotrotz ist Layers absolut spannend, vielseitig, vielschichtig und gehört ins heimische Buchregal – und obwohl es sich um einen Jugend-Thriller handelt, richtet sich diese Empfehlung eindeutig auch an die Erwachsenen.

 

Cover Layers

 

 

 

Autor: Ursula Poznanski
Titel: Layers
Verlag: Loewe
Seitenanzahl: 448
Preis: 14,95 € (Paperback)
zum Buch

 

8 Kommentare

  1. Hallöle!

    Ich habe nun schon länger überlegt, ob ich mir dieses Buch wünschen soll und nach dieser tollen Rezension landet es auf jeden Fall auf der Wunschliste!

    Ich will eh ein paar mehr spannende Bücher lesen und da bin ich ja bei diesem komplett richtig gelandet!
    Die Idee ist auch sehr faszinierend, von dem Cover und der Aufmachung brauche ich ja gar nicht erst anfangen 😀

    Viele liebe Grüße vom #litnetzwerk,
    Anna

    1. Hi Anna,
      ja, bei der Covergestaltung hat der Verlag sich wirklich Mühe gegeben – dachte ich mir doch, dass dir das gefällt 😉 Aber auch und vor allem die Geschichte ist wirklich gut gemacht – absolute Leseempfehlung! Ich bin gespannt, was du dazu denkst 🙂
      Liebe Grüße
      Kerstin

  2. Huhu!

    Eine wunderbare, fundierte Rezension, und mir gefällt auch sehr, wie du andere Rezensionen mit einbeziehst.

    Ich muss gestehen, ich habe von der Autorin bisher nur „Fünf“ gelesen, obwohl hier noch andere Bücher von ihr auf dem Stapel ungelesener Bücher liegen, und das zum Teil schon recht lange… „Fünf“ hat mich jedoch überzeugt, und ich habe vor, so nach und nach ihre anderen Bücher zu lesen.

    LG,
    Mikka

    1. Vielen Dank für die Blumen 🙂
      Ich kenne dagegen „Fünf“ nicht, habe aber damals „Erebos“ gelesen und war schon damals begeistert. In Erebos geht’s auch um Spiele, allerdings Computerspiele. Das fand ich unheimlich spannend.
      Und jetzt entschuldige mich, ich muss „Fünf“ nachschlagen 😉
      Liebe Grüße
      Kerstin

      1. In gewisser Weise geht es auch in „Fünf“ um ein Spiel, allerdings um Geocaching! 😉

        1. Ich hab’s gerade gesehen – das klingt echt spannend! Der Titel ist mal eben auf meine Wunschliste gewandert, zumal ich bei Poznanski auch wirklich weiß, dass es gut gemacht sein wird 🙂 Danke für die Empfehlung!
          Liebe Grüße
          Kerstin

  3. Moin Kerstin,

    tatsächlich war „Layers“ für mich das erste Buch von Frau Poznanski, das mich nicht überzeugen konnte. Auch mit „Elanus“ hat sie sich in meinen Augen keinen Gefallen getan, von „Anonym“ in Zusammenarbeit mit Arno Strobel mal ganz zu schweigen (beide Rezis stehen noch aus *hust*). Alle anderen Bücher von ihr hingegen fand ich wirklich lesenswert, ich liebe ihre Erwachsenen-Thriller (das hier schon erwähnte „Fünf“ ist der Auftakt einer Reihe um Bea und Florin) und habe auch die Eleria-Trilogie verschlungen. Ich hoffe, dass ihr nächster B&F-Thriller wieder ans alte Können anknüpft, sonst muss ich mich wohl allmählich von ihr trennen …

    Liebe Grüße,
    Jess

    1. Hi Jess,
      „Elans“ und „Anonym“ habe ich (noch) nicht gelesen – aber jetzt bin ich wirklich gespannt auf deine Rezensionen!
      Was gefiel dir denn an „Layers“ nicht?
      Liebe Grüße
      Kerstin

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