Erzählungen einer japanischen Kultfigur: Haruki Murakami

Der japanische Autor veröffentlicht inzwischen seit rund der Hälfte seines Lebens Romane sowie Bände mit Erzählungen. Er hat zahlreiche Literaturpreise erhalten und seine Werke sind in rund 40 Sprachen übersetzt worden. Haruki Murakami wird zu den populärsten und einflussreichsten japanischen Autoren seiner Generation gezählt.
Für mich sind dies alles Gründe, mir meine eigene Meinung zu bilden und zu schauen, wie ich zu seinem literarischen Werk stehe. Beispielhaft vorgenommen habe ich mir dazu die Erzählbände „Der Elefant verschwindet“ und „Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“.

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Die insgesamt 17 Erzählungen aus beiden Bänden bilden ein interessantes Bild Japans ab, das allerdings gar nicht im Vordergrund steht: Der Erzähler schlüpft in männliche wie weibliche Protagonisten, meist in ihren 20er bis 40er Jahren, mit unterschiedlichen Lebensläufen und Beziehungsgeflechten. Aber sie alle leben und arbeiten in bestimmten Bereichen Tokyos. Ganz nebenbei lernt der Leser die einzelnen Viertel der Stadt und deren Eigenheiten kennen. Er erfährt außerdem, dass unter Tendon ein Gericht aus frittiertem Fisch und Gemüse auf Reis mit einer speziellen Sojasauce zu verstehen ist – oder auch, was Hiyayakko, Soba oder Shijimi ist. In den Geschichten wird überraschend oft gegessen und abgesehen von Spaghetti werden oft traditionelle Gerichte zubereitet. Alles Geschmackssache, aber auf jeden Fall sehr interessant.
Im Mittelpunkt der Erzählungen stehen aber die Menschen selbst, und vornehmlich die Beziehungen zu ihrer Umwelt: Das können sowohl Ehepartner als auch Arbeitskollegen sein, der verhasste Klassenkamerad aus der Schulzeit, der Verlobte der Schwester, als auch ein Elefant und sein Wärter. Ganz unterschiedlich und ruhig erzählen sie, überwiegend aus der Ich-Perspektive, ihre Lebensgeschichten. Auf den ersten Blick erscheinen die Begebenheiten alltäglich, aber immer gibt es mindestens ein Element, das dieses Bild stört. Gemeinsam mit dem Leser werden die Protagonisten aus ihrem Alltagstrott gerissen, in dem sie sich eigentlich sowieso nicht wohlgefühlt haben – geändert hätten sie ihn ohne diese Erlebnisse aber nicht.

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Die Geschichten sind gewöhnlich und surreal, komisch und melancholisch – und alles zusammen. Natürlich gibt es Unterschiede, natürlich sprechen mich nicht alle Geschichten gleich an: Einige habe ich in einem Rutsch gelesen, andere in mehreren Etappen. Über manche bin ich hinweg geflogen, andere haben mich zum Nachdenken gebracht. Es ist genau diese Mischung, die diese Erzählbände lesenswert macht; mit ihren Geschichten, die sich eben nicht unbedingt an klassische Erzählstrukturen halten, aber gerade dadurch funktionieren.

 

Titel: Der Elefant verschwindet & Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah
Autor: Haruki Murakami
Herausgeber: Rowohlt Berlin
Erschienen: 2002
Umfang: 187 & 217 Seiten
ISBN: 3499233932 & 3499222507

Leider sind die besprochenen Ausgaben nicht mehr bei Rowohlt verzeichnet. Sie sind aber als Neuauflage bei Randomhouse/btb beziehungsweise Dumont erhältlich.

1 Kommentar

  1. […] Das Gitter ist geschlossen, doch der Elefant ist verschwunden, zur Bestürzung der ganzen Stadt. Nur einer ahnt, was passiert ist. Ein junger, einsamer Mann, der in der Werbeabteilung eines Küchenherstellers arbeitet und einer Journalistin seine Wahrnehmungen mitteilt. – Ein nächtlicher Anfall von Heißhunger und ein übermütig geplantes Verbrechen enden ganz anders als vorgesehen: so anders, dass sie Jahre später eine unvermutete Auferstehung erleben. – Eine Frau in den besten, ödesten Verhältnissen erkennt in der eigenen Schlaflosigkeit ein berauschendes Geschenk. – Immer wieder tut sich für Murakamis melancholische Gestalten im Gewebe des Alltags eine Leerstelle auf, in die ein tiefer, lebensverändernder Sinn einzusickern scheint. [Edit (15.02.2015): Die Rezension ist online!] […]

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