Emmi Itärantas Debütroman: „Der Geschmack von Wasser“

14-09-05 Der Geschmack von Wasser

Nicht alles, was auf der Welt ist, gehört den Menschen. Tee und Wasser gehören nicht den Teemeistern, sondern umgekehrt: Die Teemeister gehören dem Wasser und dem Tee. Wir sind die Hüter des Wassers, aber noch mehr sind wir seine Diener.

Es ist eine befremdliche Welt, in die uns Emmi Itäranta in ihrem Erstlingswerk mitnimmt: In einer fernen Zukunft, in der das Wasser knapp ist und vom Militär streng rationiert wird, bewahrt Norias Familie ein Geheimnis. Als Teemeisterin ist es nicht nur ihre Aufgabe, ihren Gästen während der Teezeremonie eine Pause vom harten Alltag zu ermöglichen, sondern sich auch auf die ursprüngliche Pflicht der Teemeister zu besinnen: Das Hüten einer Quelle. Denn während alle um sie herum unter der Wasserknappheit zu leiden haben, muss sich Noria vor allem Sorgen darum machen, dieses Geheimnis zu bewahren. Auch ihrer besten Freundin seit Kindertagen, Sanja, darf sie nichts erzählen. Zu groß ist ihre Angst davor, dass auf ihrer Haustür ein leuchtend türkisfarbener Ring auftauchen könnte – das Symbol für ein streng geahndetes Wasserverbrechen. Doch irgendwann kann Noria die Quelle nicht mehr geheim halten, erst recht nicht, als sie und Sanja erfahren, was damals in den Ölkriegen wirklich passierte und wo noch sauberes Wasser zu finden ist – genug für alle.

„Der Geschmack von Wasser“ ist eine Mischung aus vielem: Dystopie, einer Geschichte über Freundschaft und Werte, Verantwortung und ein bisschen Science Fiction. Und all diese Elemente verschmelzen miteinander, sodass dieser Roman in keine Schublade zu passen scheint. Zwar spielt die Geschichte in der Zukunft, nach dem Klimawandel, wenn der Meeresspiegel bereits gestiegen ist und viele Städte nicht mehr existieren, wenn die Erderwärmung so weit voran geschritten ist, dass die Hitze kaum zu ertragen ist und es vor Insekten nur so wimmelt, und die Technologie der alten Zeit längst nicht mehr praktikabel ist, doch ist dies alles so glaubwürdig geschildert, dass es nicht wirkt wie eine mögliche, erfundene Version der zukünftigen Menschheit, sondern wie ein realistischer Blick in die Zukunft. Es ist dieses Setting, welches dem Roman eine moralische Ebene eröffnet, die zwar nicht im Mittelpunkt der Geschichte steht, aber doch zwischen den Zeilen immer wieder mitschwingt und diesem Erstlingswerk seine Tragweite verleiht.

Ich stelle mir einen Menschen der Alten Zeit vor, wie er an dem Fluss steht, der jetzt nur noch eine trockene Narbe in der Landschaft ist, eine Frau, nicht jung und nicht alt, oder vielleicht ein Mann, es spielt keine Rolle. Die Haare dieses Menschen sind hellbraun, und er schaut auf das vorüberfließende Wasser, das damals vielleicht schlammig war, vielleicht aber auch klar, und etwas, was noch nicht war, dringt plötzlich in seine Gedanken ein.
Ich möchte mir vorstellen, dass er sich dann umdreht und nach Hause geht und wenigstens eine Sache an dem Tag anders macht, weil er nach dem, was er plötzlich vor sich gesehen hat, nicht anders kann. Und am nächsten Tag macht er noch etwas anders und am nächsten wieder.
Doch dann sehe ich den Menschen noch einmal, und er ist ein anderer, einer, der sich umdreht und nichts anders macht, und ich weiß nicht, welcher von den beiden wirklich ist und welcher nur eine Spiegelung im Wasser, so scharf umrissen, dass man sie fast für wirklich halten könnte.

Emmi Itärantas Idee ist neu, sie verbindet eine Zukunft mit vielen auch heute bereits bekannten Traditionen und Weisheiten aus dem asiatischen Raum. Ihre Protagonistin, Noria, bekommt dadurch einen einzigartigen Charakter: besonnen, aber gleichzeitig noch jugendlich genug, um voller Tatendrang und Abenteuerlust zu brennen – und doch verantwortungsbewusst und umsichtig, gleichzeitig egoistisch und das Gegenteil davon. Jedenfalls ein Charakter, der weit davon entfernt ist, eindimensional oder Stereotyp zu bleiben.

Die Sprache ist oft sehr poetisch, ohne dass man dessen überdrüssig würde oder dass es befremdlich wirkt. Stattdessen sind alle sprachlichen Motive auf den Punkt gebracht und themengebunden: Nicht nur die Geschichte dreht sich um Wasser, auch in der Sprache ist es ein immer wiederkehrendes Motiv, welches gekonnt in den Lesefluss eingebunden wird. In der Sprache der Geschichte spiegelt sich die Autorin wider: die Poesie finnischer Literatur, gemischt mit den Methoden der Creative Writing-Workshops in Großbritannien.

Was überrascht ist das Ende des Romans: fast abrupt hört die Geschichte auf, mit einem Epilog, der eigentlich einen Band 2 einläuten müsste, dies jedoch augenscheinlich nicht tut. Der Leser bleibt zurück mit tausend Fragen. Wo nun die abenteuerliche Reise und die Rettung der Welt beginnen müsste, hört „Der Geschmack von Wasser“ einfach auf und verwirklicht dadurch eine Philosophie der Verantwortung, die Noria verkörpert, und erhält eine gewisse Authentizität, als wäre die Geschichte keine Fiktion, sondern Wirklichkeit. Dennoch bleibt es für den Leser unbefriedigend, zu viele ungeklärte Fragen bleiben, zusammen mit der Ungläubigkeit, dass dies nicht der Auftakt einer Trilogie ist.

Doch allem Anschein nach ist „Der Geschmack von Wasser“ ein in sich geschlossener Roman, den Emmi Itäranta sowohl auf Finnisch als auch auf Englisch schrieb. Sie gewann mit diesem Erstling bereits mehrere finnische Preise und reichte ihn als Arbeit für ihren Studienabschluss im „Kreativen Schreiben“ in Kent ein. Mittlerweile lebt die 1976 geborene Finnin in Canterbury, Großbritannien, und schreibt bereits an ihrem nächsten Roman.

Titel: Der Geschmack von Wasser (ab 14 Jahre)
Autor: Emmi Itäranta, übersetzt von Anu Stohner
Herausgeber: Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv)
Erschienen am: 1. September 2014
Umfang: 340 Seiten
Preis: 14,95 € (Taschenbuch)
ISBN: 978-3-423-65009-0
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6 Kommentare

  1. […] so alltägliche Dinge wie Freundschaft und Courage geht. Eine vollständige Rezension könnt ihr hier […]

  2. Hallo 🙂
    Deine Rezension ist auf jeden Fall interessant und macht Lust auf das Buch Es wandert nämlich gerade direkt auf meine Wunschliste. Leider wäre mir ein wenig Struktur in deiner Rezension wünschenswert, auch wenn sie so irgendwie ein wenig mehr wirkt.
    Liebe Grüße,
    Nadja

    1. Hallo Nadja,

      das freut mich, dass ich dich dafür begeistern konnte. Es ist wirklich klasse!
      Was meinst du denn mit mehr Struktur? Falls du so etwas meinst wie „Klappentext/Inhalt/meine Meinung/Fazit/über den Autor“, dann ist das vollkommen beabsichtigt. Diese Blöcke wirst du in der Rezension in der Reihenfolge auch finden, nur ohne Überschriften. Das ist etwas sehr blog-typisches, das so zu unterteilen, und ich hab Rezensionen schreiben quasi nach „Print-Muster“ gelernt. Wenn du mal so die gängigen Zeitungen aufschlägst, wirst du das so ähnlich (nur besser :D) dort auch finden 😉

      Liebe Grüße
      Kerstin

  3. Hallo,

    Der Geschmack von Wasser klingt für mich sehr verlockend. Ich bin großer Fan von Dystopien, habe aber in der Vergangenheit häufiger Pleiten erlebt. Gerade im Bereich Jugendbuch sind viele Dystopien schlecht geschrieben.

    Kannst du vielleicht noch weitere Dystopien für Erwachsene empfehlen?

    Viele Grüße
    Janine

    1. Hallo Janine!
      Ist ja lustig, ich bin gerade auch auf deinem Blog unterwegs 😀
      Uff. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich noch nicht gezielt nach Dystopien gesucht habe … ich habe aber kürzlich ein Interview mit Emmi Itäranta gelesen, da hat sie von Büchern gesprochen, die so ähnlich sind wie ihres und sich mit dem Thema Klimawandel beschäftigen … soll ich da noch mal nachschauen?
      Ansonsten halt so die Klassiker … Brave New World, Fahrenheit 451, The Handmaid’s Tale, 1984 … Die Panem-Reihe kennst du wohl schon, oder? Die fand ich anfangs gut – nur zum Ende bauen sie dann dramaaaaatisch ab.
      Ich kann mich jetzt aber auch nicht mehr wirklich an weitere Dystopien erinnern :/ Ich schaue mal, ob ich die anderen Bücher aus dem Interview noch finde und schreibe dir dann 😉
      Liebe Grüße
      Kerstin

      1. Über die Empfehlungen aus dem Interview würde ich mich wirklich freuen. Persönlich kann ich empfehlen Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte von Peter Heller und Die Straße von Cormac McCarthy. Beide Bücher sind für Erwachsene. Es ist besser, wenn man die in der Sonne sitzend liest – die bedrückende Stimmung ist nicht leicht zu ertragen.

Schreib mir, was Du denkst.