Ein großer Auftakt: Libba Brays „The Diviners – Aller Anfang ist böse“

Es sind die Golden Twenties. Party, Amüsement, Alkohol, Jazz – Evies Leben in Ohio ist eine einzige Party. Bis sie auf einer solchen leicht angetrunken einen Fehler begeht und zur Strafe zu ihrem Onkel nach New York geschickt wird. Wo das Leben eine noch viel größere Party ist. Evie jagt ihrem Traum nach, berühmt zu werden – die Voraussetzungen hat sie. Sie ist hübsch, sie ist ein Flapper, und sie hat eine ganz besondere Gabe: Sie kann Gegenständen Geheimnisse über ihre Besitzer entlocken. Was sie bereits in Ohio in Schwierigkeiten gebracht hat, bringt sie in New York in noch viel größere Schwierigkeiten. Denn ein Pentakelmörder treibt sein Unwesen und mordet Menschen nach okkulten Ritualen. Und Evies Onkel soll bei der Aufklärung der Morde helfen, kennt sich doch niemand so gut mit dem Übernatürlichem aus wie er. Klar, dass Evie sich dieses Abenteuer nicht entgehen lassen kann. Doch schon bald merkt sie, dass die Morde mehr zu tun haben mit ihr und ihrer Gabe als Diviner als ihr lieb ist.

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Wir sind Diviner. Es hat uns schon immer gegeben und wir werden immer sein. Es ist uns ein Vermögen zu eigen, das von der großen Kraft dieses Landes und seines Volkes rührt, ein Reich, das wir für eine Weile teilen, solange es vonnöten ist. Wir sehen die Toten. Wir sprechen zu den ruhelosen Geistern. Wir wandeln in Träumen. Wir lesen Sinn aus einem jeden Gegenstand, den wir in unseren Händen halten. Die Zukunft entfaltet sich vor uns wie eine Karte des Steuermanns, die Meere aufzeigt, die wir noch bereisen müssen.

Auf Kosten der Freiheit kann es niemals Sicherheit geben. Das Herz der Union wird nicht bestehen bleiben … Der Himmel wird von einem seltsamen Feuer erleuchtet werden. Das Tor zur Ewigkeit ist geöffnet. Der Mann mit dem Zylinder wird mit dem Sturm zurückkehren … Das Auge kann nicht sehen.

So lautet die Prophezeiung von Liberty Anne Rathbone, der ersten Diviner. Und schließlich fasst Evie ihren Mut zusammen und nutzt ihre Gabe zur Aufklärung der Morde. Es ist eine Melodie, ein Kinderlied über Naughty John, das sie in ihrer Vision hört und das ihre Recherche in die richtige Richtung lenkt.

Naughty John, Naughty John, does his work with his apron on. Cuts your throat and takes your bones. Sells them off for a coupla stones …

Nur, dass Naughty John – oder John Hobbes – bereits seit fünfzig Jahren tot ist. Wie kann das sein? Ein Geist kann doch keine Morde begehen – oder doch? Und was hat diese merkwürdige Sekte, die Brethren, damit zu tun, die an die Auferstehung der Bestie und damit einhergehende Apokalypse glaubt? Evie taumelt umher zwischen Partys und Tatorten, auf der Suche nach Antworten und dem Mörder. Und auch die anderen Diviner können sich ihrem Schicksal nicht entziehen: Memphis und Henry und Theta und Sam … Und Jericho, der Gehilfe von Evies Onkel, hat auch noch ein ganz eigenes Geheimnis … Und was ist mit Evies Bruder, der eigentlich im Ersten Weltkrieg gefallen ist – wieso taucht er dauernd in ihren Träumen auf?

Es sind Fragen, die Evie und den Leser noch weit über den ersten Band begleiten werden, denn „Aller Anfang ist böse“ ist nur Teil 1 der Tetralogie „The Diviners“. Libba Bray beherrscht es, den Leser auch auf den letzten Seiten mit einem klassischen Cliffhanger zu fesseln.

Noch weiter fort von da, in den weiten Grasebenen, um die die amerikanische Seele ihre Mythen rankt, stand eine Schattenfigur in der Dunkelheit und wartete auf den rechten Augenblick – wie eine Vogelscheuche, die auf die Ernte wartete.

Mit seinen 704 Seiten ist „The Diviners – Aller Anfang ist böse“ kein Roman, den man mal eben schnell liest. Stattdessen ist er der Beginn einer mystisch-dunklen Reihe, die eine Menge Hintergründe mit sich bringt: So merkt man der Geschichte an, dass Libba Bray viel Arbeit mit der Recherche hatte, denn es klingen nicht nur historische Gegebenheiten an, sondern es wird auch viel Dunkles aus der amerikanischen Geschichte eingebracht, was der Geschichte nicht nur Authentizität verleiht, sondern auch weitere Gründe für Gänsehaut liefert. Über Seiten hinweg nimmt sich die Geschichte Zeit, die Spannung aufzubauen. So wird beispielsweise der Wind beschrieben, der über New York und das Umland fegt und all die Eindrücke einsammelt, sich aber nicht dazu äußern kann, den Schrecken nicht loswerden, keine Warnung aussprechen. Es sind Szenen, die sehr stark an filmische Erzählweise erinnern, die Spannung aufbauen, unterschwellig ein ungutes Gefühl hervor rufen, Vorahnungen und Vorausdeutungen – und doch objektiv nichts zur Geschichte beitragen. Doch sie haben durchaus ihre Daseinsberechtigung, deuten daraufhin, wie gut „The Diviners“ auch als Film funktionieren würde. Ein Film, dessen Drehbuch Libba Bray übrigens gerade schreibt.

Aber es sind auch diese Szenen, die den Roman in die Länge ziehen. Und so sehr man diese Stimmungsbringer genießen kann, es dauert doch gut zweihundert Seiten, bis man der Spannung der Geschichte nicht mehr widerstehen kann – dann wird „The Diviners“ allerdings zum pageturner. Es dauert diese geschätzten zweihundert Seiten, bis Evie zu einem Charakter heran reift, mit dem man Sympathie entwickelt, statt das pubertäre, egozentrische Mädchen zu bleiben, das nur der nächsten Party entgegen lechzt. Sie bleibt egoistisch, doch schlussendlich zeigen sich Eigenschaften von ihr, die ihr Schicksal lesenswert machen. Auch die anderen Diviners werden eindimensional eingeführt, entwickeln jedoch dann im Verlaufe der Geschichte facettenreiche Charaktere, die Lust auf mehr machen. Zwar ist „Aller Anfang ist böse“ eine spannende Mischung aus Fantasy, Krimi und Thriller, aber eigentlich ist es der Vorspann einer weitaus größeren Geschichte. Bis Band 2 erscheinen wird, dauert es aber wohl noch eine Weile, ein Erscheinungstermin wurde noch nicht bekannt gegeben. Solange kann man all den ausgestreuten Brotkrumen in „The Diviners – Aller Anfang ist böse“ folgen, denn wer als aufmerksamer Leser der Geschichte folgt, hat bereits mehr als einen Hinweis darauf bekommen, was als nächstes auf Evie, Sam, Memphis, Theta, Henry & Co wartet.

Der Mann mit dem Zylinder schritt über das zerstörte Feld, den schlafenden kleinen und großen Städten entgegen, den Fabriken und Baumwollfeldern, den Eisenbahnschienen und Straßen, den Telefonmasten und Konfettiparaden. Er schritt auf die Heldendenkmäler zu, auf all die Sehnsucht und Ernüchterung der Menschen. Licht waberte knisternd um ihn herum, während er ausschritt, und der Boden hinter ihm war schwarz wie Asche.

Wer jetzt Lust auf mehr hat, kann heute spontan um 18 Uhr ins Junge Literaturhaus Köln kommen, wo Bestsellerautorin Libba Bray (unter anderem „Der geheime Zirkel“-Trilogie) lesen wird. Und wer dann noch nicht genug hat, bekommt am Donnerstag hier das Interview mit der Autorin quasi bequem nach Hause geliefert.

Titel: The Diviners – Aller Anfang ist böse (ab 14 Jahre)
Autor: Libba Bray
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag
Erschienen am: 1. Oktober 2014
Umfang: 704 Seiten
Preis: 19,95 €
ISBN: 978-3-423-76096-6
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1 Kommentar

  1. Suzy Randolp sagt: Antworten

    Kreisch! LIbba Bray im Literaturhaus Köln! Da geh ich auf jeden Fall hin! Super Tipp!

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