Debütantensalon mit Paula Fürstenberg und Isabelle Lehn im Literaturhaus Köln

Debütantensalon mit Tilman Strasser, Isabelle Lehn und Paula Fürstenberg

Das Literaturhaus Köln hat’s getan: ein altes neues Format geschaffen. Im Debütantensalon kommen künftig zwei Neu-Autoren zu Wort. Die Idee: Die beiden Debüts haben entweder etwas gemeinsam oder stehen konträr zueinander. Gestern ging das neu-alte Format mit Paula FürstenbergFamilie der geflügelten Tiger (Kiepenheuer & Witsch) und Isabelle LehnBinde zwei Vögel zusammen (Eichborn) an den Start.

Vielleicht erinnert sich noch jemand an Saša Stanišić und Ulf Erdmann Ziegler. Also, im Literaturhaus Köln, nicht generell. Sie gehörten zu den Gästen des Debütantensalons, ehe dieser sich im März 2007 weiterentwickelte zum „Klub Junge Literatur“. Dort ist nicht mehr das Debüt die Devise, sondern das Sachbuch. Zuletzt beispielsweise zum Thema Zeitmillionär werden (mehr).

Das ist auch sehr interessant, doch glücklicherweise hat sich das Literaturhaus entschieden, zusätzlich das alte Format wieder zurückzubringen und immer zwei Debütanten gezielt aufeinander und das Publikum loszulassen. Gestern waren das Paula Fürstenberg und Isabelle Lehn. Sie beide haben zwei vollkommen unterschiedliche Romane geschrieben, denen doch etwas gemein ist: Sie verhandeln das Thema Identität.
Debütantensalon: Paula Fürstenberg liest
Während die Protagonistin Johanna in Familie der geflügelten Tiger auf der Suche nach ihrem Vater und ihrer Geschichte ist, versucht Albert in Binde zwei Vögel zusammen, sich selbst nicht zu verlieren – oder doch nur sich wiederzufinden? Die Autorinnen jedenfalls müssen nicht mehr suchen: Sie haben sie gefunden, ihre eigene Erzählstimme. Denn auch wenn beide (zwar unterschiedliche) Schreibschulen besucht haben, hatten sie nicht das Gefühl, dass ihnen dort eine einheitliche „Literatenstimme“ eingeflößt wurde, wie der Vorwurf an solche Akademien oft lautet. „Es war nicht so, dass man die Texte aller Teilnehmer oben in einen Trichter geworfen hat und unten kam dann Einheitsbrei heraus“, erzählt Isabelle Lehn, „eher im Gegenteil.“ Dass sie ihre eigene Stimme gefunden haben, das hört auch das Publikum an diesem Abend. Gefunden haben die Autorinnen darüber hinaus auch die Freude am Geschichten-Bauen: Beide Romane sind literarisch dicht, spinnen Fäden, die wieder aufgegriffen werden, bis am Ende das große Ganze da steht, der Roman.

Den wollte Paula Fürstenberg gar nicht schreiben, erzählt sie. Diese große Form habe sie sich auch erst gar nicht zugetraut. Aber der Text wurde immer länger, da war immer mehr Geschichte – bis sie sich am Ende eingestehen musste: Das ist ein Roman, den sie da gerade schreibt.

In diesem zieht Johanna nach dem Abitur aus der Uckermark nach Berlin und beginnt dort die Ausbildung zur Straßenbahnfahrerin. An die DDR erinnert sie sich nicht richtig. An ihren Vater auch nicht; der hat die Familie kurz vor dem Mauerfall verlassen, als Johanna zwei Jahre alt war. Doch das stört sie nicht weiter – bis er eines Tages anruft und die Geschichte, von der sie ihr Leben lang glaubte, dass es ihre eigene sei, bröckelt. Johanna macht sich auf die Suche: Sie sucht nach der DDR, sie sucht nach den weißen Flecken auf der Landkarte ihrer Vergangenheit und irgendwo auch nach sich selbst. „Ich glaube gar nicht, dass es so wichtig ist, dass man seine wahre Geschichte kennt. Es ist nur wichtig, dass man eine Geschichte kennt“, erzählt Paula Fürstenberg im Gespräch mit Tilman Strasser, der den gestrigen Abend moderierte. „Die muss nicht unbedingt der Realität entsprechen.“

Debütantensalon: Isabelle Lehn liest

Was ist eigentlich real, und was bildet er sich ein? Das fragt sich der Leser in Isabelle Lehns Binde zwei Vögel zusammen. Albert ist Statist in einem bayerischen Trainingscamp für Afghanistansoldaten. Sechs Wochen lang ist er nicht mehr Albert, sondern Aladdin. Er betreibt ein Café, er stirbt, er steht wieder auf. Er ist Geisel. Er ist wieder Albert, der nach sechs Wochen bayerisches Afghanistan versucht, zurück zu sich zu finden. Doch noch immer erblickt ihn Aladdin, wenn er in den Spiegel guckt. Und die Medien machen es ihm nicht leichter, wenn sie ihn unter den Kriegsmeldungen der vergangenen Wochen begraben. Doch was ist eigentlich Krieg? Und was nur inszeniert?

Das Setting lässt Lehns Roman natürlich erst einmal herausstechen. Bayerische Kriegstrainingscamps? Die gibt es wirklich. Isabelle Lehn ist auf den Stoff gestoßen, als sie eine ehemalige Statistin kennenlernte. Albert kann seine Statistenrolle nicht von seiner eigenen Identität trennen – denn auch fingierter Krieg ruft reale Traumata hervor. Seine Identitätskrise spiegelt sich in einer Erzählkrise wieder. Die kam ihr ganz gelegen, schmunzelt Isabelle Lehn, so hat sie selbst nicht angesichts des ersten Romans verzweifeln können und einfach die Krise ihres Erzählers mit durchlebt statt ihrer eigenen.

„Und wie geht es jetzt weiter?“, fragt Tilman Strasser am Ende des Abends. Nach einem Debüt muss schließlich der zweite Roman folgen, oder? Etwas Genaues wollten die Autorinnen nicht verraten, aber: Sie schreiben. Wie lange das dauert? Da sind sich Fürstenberg und Lehn einig, sie wollen sich nicht hetzen. An ihrem ersten Roman habe sie sechs Jahre gearbeitet, auch für den nächsten wolle Paula Fürstenberg sich die Zeit nehmen, die es braucht. Isabelle Lehn produziere viel Text, doch was genau am Ende dabei herauskäme, das kann sie noch nicht sagen.

Ich bin jedenfalls gespannt, auf die beiden Geschichten und den nächsten Debütantensalon im Literaturhaus Köln. Beide Romane haben es eindeutig auf meine Wunschliste geschafft, ich kann gar nicht warten, mit dem Lesen anzufangen. Apropos lesen: Wer jetzt neugierig ist, kann Isabelle Lehn am 27.11. bei 1Live Klubbing hören, und Paula Fürstenberg liest hier ein paar Takte.

2 Kommentare

  1. […] traf ich wenige Wochen später wieder im Debütantensalon im Literaturhaus Köln, über den ich hier berichtete. Auf die Suche nach den eigenen Wurzeln, nach der Karte der eigenen Familiengeschichte, […]

  2. […] mich darauf freue: Über das neue alte Format Debütantensalon und die erste Veranstaltung habe ich hier berichtet – damals ging ich mit zwei neuen Büchern heim. Da kann ich mir die zweite Ausgabe […]

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