„Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ von John Green

Das Schicksal ist ein mieser Verräter

Der Deutsche Taschenbuch Verlag verspricht „eine der ergreifendsten und schönsten Liebesgeschichten der Literatur“. Wer jetzt aber eine romantische und kitschige Liebesschnulze zwischen zwei todkranken Jugendlichen erwartet, der wird nur zwischen den Zeilen fündig. Denn an Krebs ist nichts romantisch, und am Sterben schon mal gar nicht.

Stattdessen geht es um die wichtigen Fragen des Lebens: Was ist Liebe? Wofür leben wir? Was werden wir hinterlassen? Und wird man sich an uns erinnern? – Dass sich die Protagonisten des Romans diese Fragen stellen, wissen sie meist selbst nicht, aber ihre Handlungen sprechen eine eindeutige Sprache. John Green schafft es, wichtige Themen auf jugendliche Art anzugehen: mal vollkommen naiv und dann wieder so erwachsen, dass der Leser Hazel und Augustus am liebsten in den Arm nehmen würde.

Denn beide haben Krebs. Während man Hazel die Krankheit deutlich ansieht (aufgedunsenes Gesicht, kurze Haare, Sauerstoffwagen), scheint Augustus das Gröbste überstanden zu haben: Er hatte Knochenkrebs, ihm wurde ein Bein amputiert, achtzigprozentige Überlebenschance. Bei Hazel ist es nur eine Frage der Zeit, bis das Medikament, welches sie am Leben hält, seine Wirkung verliert.

Über eine Selbsthilfegruppe für jugendliche Krebskranke lernen sie sich kennen, und obwohl Hazel sich nicht verlieben will und erst recht nicht geliebt werden möchte, passiert genau das. Und es ist eine Liebe, die von Anfang an dazu bestimmt ist, tragisch zu enden.

‚Gegen wen führe ich Krieg? Gegen den Krebs. Und woraus besteht Krebs? Aus mir. Die Tumore gehören zu mir. Sie gehören genauso zu mir wie mein Gehirn und mein Herz. Es ist ein Bürgerkrieg, Hazel Grace, ein abgekarteter Bürgerkrieg, bei dem der Sieger feststeht.‘

Dennoch können beide nicht gegen ihre Gefühle ankämpfen, so sehr sie es auch versuchen. Dabei schafft es Green, den schmalen Grad zwischen Kitsch und Romantik zu meistern, was nicht zuletzt auch an seinen erschaffenen Charakteren liegt. Denn die verkörpern eine Mischung aus jugendlicher Naivität und Ernsthaftigkeit mit einer Spur Weisheit, die nur Menschen, die sich mit Leben und Tod auseinander setzen mussten, inne haben. Zuweilen schockiert es, wie ehrlich und abgebrüht Hazel, Augustus und die anderen von ihrer Erkrankung sprechen, welch gnadenlos direkten Blick sie auf die Welt werfen.

„Ihr seid die Nebenwirkung“, fuhr Van Houten fort, „eines Evolutionsprozesses, dem wenig am einzelnen Leben liegt. Ihr seid ein gescheitertes Experiment der Mutation.“
„ICH KÜNDIGE!“, schrie Lidewij. Sie hatte Tränen in den Augen. Doch ich war nicht wütend. Van Houten suchte nach der schmerzhaftesten Art, die Wahrheit auszusprechen, aber ich kannte die Wahrheit natürlich längst.

Und es ist diese Eigenart der Charaktere, die ambivalente Gefühle hervor ruft: Sie bleiben oft fremd, ein wenig merkwürdig, nicht wie Jugendliche. – Doch genau das sind sie ja auch nicht mehr, nicht wirklich. Sie sprechen über den „Krebsbonus“, die kleinen Extrabehandlungen, die man so bekommt, wenn man so jung sterben muss; sie machen sich über ihre Umgebung lustig, über ihre Erkrankung, über das Sterben. Und das befremdet. Doch bei genauerem Nachdenken: Was sollen sie auch anderes machen? Es ist diese Erkrankung, die sie anders macht als gewöhnliche Jugendliche. Und diese Andersartigkeit hat ihre Berechtigung, schließlich müssen sich die Protagonisten Gedanken um Dinge machen, an die andere Jugendliche nicht denken müssen.

… und sofort bekam ich Angst, dass die Leute über mich, wenn ich starb, auch nichts anderes zu sagen hätten, außer dass ich tapfer gekämpft hätte, als wäre das Einzige, was ich je getan hatte, Krebs zu haben.

Wenn man dies im Hinterkopf behält, dann ist die Motivation der Charaktere zu verstehen und die Geschichte reißt mit, lässt einen nicht mehr los. Dann weiß man, warum Literatur eine so große Rolle spielt für Hazel, und warum Augustus sofort mit aufspringt auf diesen Zug, warum sie unbedingt den Autor ihres Lieblingsbuches treffen müssen. – Denn es quält sie eine Frage: Was passierte mit den Überlebenden in dieser Geschichte? Was passierte mit der Mutter und dem Hamster des krebskranken Mädchens, das den Kampf verloren hat? Diese Ungewissheit halten Hazel und Augustus nicht im fiktiven – und erst recht nicht im realen Leben aus. Und unausgesprochen bleibt die Frage: Was wird mit ihren Eltern passieren, wenn sie sterben?

„Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ ist der vierte Roman von Bestsellerautor John Green, der mit seiner Familie in Indianapolis lebt. Für seine Jugendromane erhielt er bereits den Printz Award, wurde ausgezeichnet mit der CORINE und dem Deutschen Jugendliteraturpreis. Die Geschichte von Hazel und Grace wurde in 40 Sprachen übersetzt, seit Juni 2014 ist sie auch in deutschen Kinos zu sehen und knackte bereits die 1 Million Zuschauermarke. Der Roman ist derzeit auf Platz 1 der Spiegel Bestsellerliste.

Titel: Das Schicksal ist ein mieser Verräter
Autor: John Green
Herausgeber: Deutscher Taschenbuch Verlag (dtv); Reihe Hanser
Erschienen am: 1. Mai 2014 (10. Auflage im September 2014)
Umfang: 288 Seiten
Preis: 9,95 €
ISBN: 978-3-423-62583-8

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17 Kommentare

  1. Huhu,
    das ist ein so wundervolles Buch, ich habe geweint und gelacht. Als ich es vor doch schon einigen Monaten gelesen habe, hat es mich absolut abgeholt und es gehört zu meinen absoluten Lieblingsbüchern.
    Welchesd ich auch noch toll geschrieben finde, auch wenn es schon ein heftiges Thema ist, ist „Musik der Wale“ 🙂

    Liebe Grüße Angie

    1. Liebe Angie,

      vielen Dank für deinen Kommentar! Jetzt kann ich’s ja zugeben: Ich habe am Ende auch die eine oder andere Träne verdrückt. „Musik der Wale“ werde ich mir mal notieren, vielleicht ist das ja auch was für mich. Danke also auch dafür!

      Liebe Grüße
      Kerstin

      1. Huhu Kerstin,
        ich glaube ich könnte dir vielleicht noch ein paar andere meiner Lieblingsbücher nennen, ich habe hier insgesamt weit über 500 Bücher in Regalen stehen, die ich auch schon alle gelesen habe 🙂

        1. Liebe Angie,

          über Empfehlungen freue ich mich immer! Du kannst mir gerne einfach eine Mail schreiben an kerstin.eiwen@woerterrausch.de 🙂

          Grüße
          Kerstin

          1. Angie sagt:

            Gerne Kerstin,
            ich schaue malein zwei Regale durch und werde Dir dann mal eine Mail zusenden 🙂

          2. Kerstin sagt:

            Ich freue mich!
            Zwar ein anderes Themengebiet, aber dennoch ein wirklich ganz tolles Buch ist auch „Der Geschmack von Wasser“ von Emmi Itäranta, was ich auch hier auf dem Blog rezensiert habe. Vielleicht ist das ja was für dich 😉
            LG

  2. Dieses Buch steht auch auf meiner Lese-Liste! Sobald ich mein Examen in der Tasche habe, kann ich endlich wieder anfangen, auch solche Bücher zu lesen!
    Danke für den Bericht!

    1. Hallo Danny,
      das freut mich, dass ich dir helfen konnte! Ich hoffe, es gefällt dir – und wünsche dir viel Glück bei deinem Examen!
      Lieber Gruß
      Kerstin

  3. Schöne Rezi, ruhig, kritisch, aber nicht zu laut betrachtet 🙂

    Könnte es sein, dass beim „Buchblogger-Tag“-Eintrag der ‚mehr‘-Button fehlt? Ich konnte den Beitrag nich anklicken und kommentieren 🙁

    1. Liebe Evy, vielen Dank! Um das Problem mit dem Blogger-Eintrag kümmere ich mich sofort. Betrachte es als behoben 😀
      Grüße
      Kerstin

  4. Hey 🙂

    Das Buch ist echt ergreifend. Am Anfang hat es mich nicht so überzeugt und ich musste erstmal reinkommen. Jetzt verstehe ich aber, warum viele so begeistert sind von dem Buch.

    Liebe Grüße
    Tatze von Bücherquatsch

    1. Hallo Tatze,

      Ja, da stimme ich dir voll und ganz zu 🙂 ich weiß noch nicht so genau, ob ich ins Kino gehen soll, der Film soll ja auch nicht schlecht sein …

      Liebe Grüße
      Kerstin

  5. Ich habe das Buch auch gerade erst gelesen. Zwar habe ich nicht wie viele geweint, aber es hat mich schon sehr berührt.

    1. Ich muss ja zugeben, dass ich am Ende wie ein Schlosshund geflennt habe 😀 Normalerweise bin ich da auch nicht so und das ganze Buch über war ich mäßig berührt, aber am Ende … xD

  6. Oh man, das Buch steht schon so lange auf meine r Wunschliste. Pass mal auf, irgendwann hab ich den Film eher gesehen als das Buch gelesen. Und das kommt seltenst vor.

    Ich glaub ich muß das irgendwann dringend ran.

    Liebe Grüße
    Kathleen

    P.S. Viel Grüße vom #‎BuBlo14‬

    1. Hallo Kathleen!
      Den Film kann ich noch nicht bewerten, aber er soll wohl ziemlich gut sein. Ich fürchte nur, dass im Film vieles als arg kitschig rüber kommt, was im Buch zwar von der Handlung gleich ist, aber eben einfach nicht diesen Hollywood-Kitsch übermittelt …
      Liebe Grüße
      Kerstin

  7. Hallo Kerstin 🙂

    Sehr schöne Rezension!
    Dieses Buch ist auch schon länger auf meinem SuB und ich bin schon echt gespannt, wie ich es so finden werde. Dabei bin ich mir eigentlich sicher, dass es mir sehr gut gefallen wird, da ich den Film soooo abgöttisch liebe.

    Liebe Grüße vom #litnetzwerk
    Andrea 🙂

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