„Das Lied vom Schwarzen Tod“ von Gerit Bertram

Nürnberg, 1522: Die Geschwister Anna und Sebastian haben ihre gesamte Familie durch die Das Lied vom Schwarzen Tod von Gerit BertramPest verloren. Und nun werden auch sie getrennt: Während Anna in ein Kloster geschickt wird und dort Fluchtpläne schmiedet, verliert Sebastian seine Lehrstelle und schließt sich einer Gruppe an, die Nürnbergern den Geldbeutel vom Gürtel schneidet.
Gleichzeitig bildet sich eine neue Bruderschaft um den Propheten Kilian Pankratius, der das Ende der Welt voraussagt, alle Anhänger Luthers richten will und es insbesondere auf Anna, die mittlerweile beim Buchmaler Korbinian Dietl untergekommen ist, und Sebastian abgesehen zu haben scheint. Über fünfhundert Seiten wird das Leben im mittelalterlichen Nürnberg geschildert.

Wer das Titelbild dieses historischen Romans betrachtet, erfährt eine Menge über Stil und Inhalt: Gezeigt wird eine junge Frau bei der alltäglichen Erledigung ihrer Pflichten, im Hintergrund Nürnberg, das Ganze in gedeckten Farben ohne wirkliche Eye-Catcher oder Highlights.

So ähnlich geht es einem beim Lesen: Über vierhundert Seiten bleibt der Hauptkonflikt unklar. Das Leben hält eine Menge kleinerer und größerer Hürden bereit für die Geschwister, doch oft dauert es nur wenige Seiten, bis diese überwunden sind. Oder sie ziehen sich länger hin, allerdings erfährt der Leser wenig über deren Lösungsversuche. Beispielsweise als Anna aus dem Kloster geflohen und bei Korbinian Dietl untergekommen ist, scheint es ihr größter Wunsch zu sein, ihren Bruder wieder zu finden. Allerdings wird diese Suche weder beschrieben noch erwähnt, stattdessen heiratet Anna, bis es irgendwann dann heißt, dass sie wochenlang jeden Tag umher gegangen ist, um ihren Bruder zu finden. Als Leser möchte man aber die Hauptmotivation, die treibende Kraft eines Charakters spüren, mitfiebern – aus diesem Grund fesselt eine Geschichte schließlich. Hinzu kommt, dass durch die vielen kleinen Konflikte lange Zeit unklar bleibt, welches das Hauptproblem der Protagonisten ist. Lange Zeit sind sie passiv und leben vor sich hin.
Zudem möchte der Leser gefordert werden, nicht alles erklärt bekommen. Viele der Dialoge wirken jedoch leider gestellt, nur für den Leser als Erklärung geschrieben und nicht schlüssig aus Perspektive der Figur.
„Ja, er war heute Morgen ganz früh bei uns und hat mit dem Medicis, Sebastian und mir gesprochen. Als letzter Verwandter fühlt er sich für uns verantwortlich und wird uns in sein Haus aufnehmen.“
Beiden Dialogpartnern ist klar, dass Gerald Pfanner, von dem hier die Rede ist, der letzte Verwandte ist und somit die Verantwortung tragen muss.
„Seid mir gegrüßt, Frau Dietl. Heute ist es also so weit, nicht wahr?“
„Ja, heute werde ich meinem Mann nach Wochen endlich zum ersten Mal gegenübertreten.“
„Gut. Gehen wir in den Klostergarten.“

Und wieder wissen beide Gesprächspartner Bescheid, und auch der Leser hat längst geahnt, weshalb Anna so nervös ist. Viele Dialoge wirken auch unglaubwürdig. So zum Beispiel, als Sebastian ins Badehaus geht (wofür er hart verdientes und immer knapp bemessenes Geld bezahlen muss) und dort auf einen Bekannten trifft. Die beiden wechseln ein paar Sätze, doch ehe der andere zu viele Details erfahren kann, muss Sebastian das Badehaus schon wieder verlassen – nach schätzungsweise weniger als fünf Minuten erzählter Zeit.

Leider wirken nicht nur viele Dialoge hölzern, auch die meisten Nebencharaktere sind lediglich Mittel zum Zweck. Wann immer Sebastian oder Anna nicht weiter wissen, irgendwo Unterschlupf finden müssen oder Hilfe brauchen, treffen sie auf jemanden, der ohne viele Fragen zu stellen, ihnen genau das gibt, was sie brauchen. Wenn man sich die Zeit der Handlung ins Gedächtnis ruft, wirkt das unglaubwürdig: Im Mittelalter, wo man kaum genug zu Essen hatte, um die eigene Familie zu versorgen, hat man sich keine Fremden ins Haus geholt, Christlichkeit hin oder her. Erst recht nicht zu einer Zeit, in der die Menschen durch die Pest etliche Verluste erleiden mussten und wohl kaum jemanden aufnahmen, den sie nicht kannten und der womöglich die Pest verbreiten könnte.

Die Nebensächlichkeit mancher Charaktere geht so weit, dass Magdalena, die Tochter von Dietl und Pflegetochter von Anna, lediglich als Requisit zu fungieren scheint. Vor allem in den ersten zwei Dritteln scheint der Säugling kaum Bedürfnisse zu haben, kommt problemlos auf Reisen mit, wird nicht angesprochen. Das gipfelt darin, dass die Beschreibung von Magdalena fast animalisch ist: viele Male „kräht“ die Kleine, ein Wort, mit dem sich viel verbinden lässt, aber wenig von einem geliebten Säugling.

Zuweilen handeln selbst die Protagonisten inkonsequent: Während Anna in der einen Situation Almosen der Dürers ablehnt, nimmt sie eine Seite weiter eine größere Geldsumme ohne große Bedenken entgegen, wohl wissend, dass sie nicht in der Lage sein wird, diese Summe – obwohl so vereinbart – zurück zu zahlen.

Die umfangreichen Recherchen des Autoren-Duos lassen sich an vielen Stellen im Text finden. Ein angehängtes Glossar erleichtert das Verständnis, schön wäre es hier allerdings gewesen, wäre beim ersten verwendeten Begriff durch eine Fußnote auf das Glossar verwiesen worden.  An manchen Stellen wird auch zu viel Hintergrundwissen eingebaut, beispielsweise als der Buchmaler neue Farben mischt und diese Prozedur ausführlich beschrieben wird, obwohl sie weder etwas zur Geschichte beiträgt, noch der Leser mit den Begriffen, Maßeinheiten und Zutaten etwas anfangen kann, geschweige denn, sich etwas bildlich vorstellen. Dennoch scheint das Setting gut recherchiert und nachvollziehbar, hätte vielleicht noch unterstützt werden können durch einen Stadtplan des mittelalterlichen Nürnbergs.

Leider ist die Wahl des Titels nicht ganz ersichtlich: Die Pest ist zwar eine fortwährende Bedrohung und alleine durch den zeitlichen Kontext allgegenwärtig, aber eigentlich spielt sie für die Geschichte keine große Rolle. Sebastian und Anna sind zwar durch die Pest Waisen, allerdings handeln viele Charaktere nicht so, als sei die Pest eine alltägliche Sorge. Auch im Verlauf der Geschichte wird das Thema nicht mehr aufgegriffen.

Hinter dem Pseudonym Gerit Bertram stecken die Autoren Iris Klockmann und Peter Hoeft, die sich 2007 kennenlernten und seither historische Geschichten zusammen schreiben. Allerdings lässt sich am Text kaum feststellen, dass es sich um zwei Autoren handelt: Die Stile verschmelzen auf bemerkenswerte Weise miteinander, die Wortwahl weicht nur an wenigen Stellen voneinander ab, so zum Beispiel in der unterschiedlichen Verwendung von „wandte sich ab“ und „wendete sich ab“.

Wer also auf der Suche ist nach einer spannenden Geschichte, der wird bei diesem Roman nicht fündig. Wer sich für das Mittelalter interessiert, der findet in „Das Lied vom Schwarzen Tod“ eine nette Bettlektüre.

Titel: Das Lied vom Schwarzen Tod
Autor: Gerit Bertram
Herausgeber: Blanvalet
Erschienen am: 29. April 2014
Umfang: 512 Seiten
Preis: 14,99 € (Paperback)
ISBN: 978-3-7645-0439-7
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