Auch nach dem Tod: Nadine Gordimers „Loot“

Auch wenn Nadine Gordimer dieses Jahr gestorben ist, so bleibt ihr literarisches Werk uns doch erhalten. Dieser Zusammenhang mag für so manchen makaber klingen und vielleicht auch abschreckend, weil es um Tod und das Ende des Lebens geht. Für mich persönlich ist es ein sonderbarer, aber positiver Gedanke: Immerhin gibt es etwas, das bleibt, wenn man selbst nicht mehr da ist.

Mit Verlust generell und Tod im Speziellen sowie der Frage, was bleibt, beschäftigt sich auch der Erzählband „Loot“ (dt. „Beute und andere Erzählungen“): Er ist Nadine Gordimers Ehemann gewidmet, der nur wenige Jahre vor der Veröffentlichung verstorben ist. Ganz unterschiedlich nähert sie sich in den zehn Geschichten diesem Thema an: Mal sehr kurz und fast fragmentarisch als Momentaufnahme, mal ausführlich und melancholisch ausschweifend, mal klar und strukturiert, mal verwirrend und scheinbar ziellos. Alle Erzählungen gehen auf unterschiedliche Aspekte ein, mit unterschiedlichem Stil und stark variierender Länge.

SONY DSCLoot and other stories

In „Loot“ (dt. „Beute“) kommt der Tod direkt in zweifacher Gestalt: Zunächst als Erdbeben, das einen Teil der Bewohner des kleinen Ortes tötet und dann als Flut, als die vom Beben verdrängten Wassermassen des Meeres ihren Bereich zurückerobern und viele der zuvor Überlebenden ebenfalls umbringen.
„Mission Statement“ (dt. „Leitsätze“) befasst sich eher hintergründig mit dem Thema: Tod liegt zu großen Teilen in der Vergangenheit, in der Zeit der Kolonialisierung. Nichtsdestotrotz wirkt er in die Gegenwart hinein, in der Erinnerung der Protagonisten an ihre Vorfahren ebenso wie in der tatsächlichen Gefahr durch zurückgelassene Landminen.
Die Geschichte „Visiting George“ (dt. „Besuch bei George“) ist ein Gedankenexperiment auf die Vergänglichkeit und Flüchtigkeit des Lebens: Was wäre, wenn wir diesen alten Kameraden nicht zufällig auf der Straße gesehen hätten? Wüssten wir überhaupt, ob er noch lebt?
In eine ähnliche und doch ganz andere Richtung geht „The Generation Gap“ (dt. „Generationslücke“): Ein Vater und Ehemann, der sich im Alter dem Tode nahe fühlt und in einer jungen Geliebten nach einem Ausweg sucht, steht im Mittelpunkt – zusammen mit der moralischen Reflexion der gesamten Familie darüber und dem Wunsch der Frau und Mutter, ihn einfach so zu behandeln, als sei er tot.
Lucie, die Hauptfigur aus „L,U,C,I,E.“ ist nach einer Toten benannt, der einzigen unter ihren Ahnen, die am Ende mit „e“ und nicht mit „a“ geschrieben wird. Das Geheimnis um die Herkunft ihres Namens erfährt sie auch nach dem kürzlichen Tod der eigenen Mutter ausgerechnet auf einem Friedhof.
Auch wenn sich die Doppelgänger in „Look-Alikes“ (dt. „Doppelgänger“) nicht auf Lebendige beziehen, die Toten ähnlich sehen, so ist der Bezug zu Totem und Vergänglichkeit durchaus gegeben – diesmal mit einer Anspielung auf den Verfall der Gesellschaft: Hier sind es Obdachlose, die sich problemlos in die Studierenden und Professoren auf dem Campus einfügen und eines Tages einfach verschwinden, zumindest scheinbar.
In „The Diamond Mine“ (dt. „Die Diamantenmine“) ist es zunächst vor allem die Unschuld, die ’stirbt‘. Eine junge Frau sammelt ihre ersten sexuellen Erfahrungen mit einem Soldaten, der sich gerade auf dem Weg in den Krieg befindet – und aus diesem auch nicht zurückkehren wird.
„Homage“ (dt. „Hommage“) zeigt eine wieder andere Facette: Einen Auftragskiller, der das Grab dessen besucht, den er ermordet hat und der zu einem gewissen Teil durch diesen Mord ebenfalls gestorben ist, da er nie wieder seinen eigenen Namen benutzen kann.
Der Tod kommt in „An Emissary“ (dt. „Eine Abgesandte“) in einer ganz kleinen, aber dadurch nicht weniger realen Form: Als eine Mücke namens Anopheles, die Malaria überträgt. Hier ist es vor allem die Todesangst, die Panik vor dem drohenden Ende, die im Mittelpunkt steht.
Bei „Karma“ schließlich, steckt der Todesbezug schon im Titel: Es geht um Tod und Wiedergeburt – um die fünfmalige Rückkehr des Erzählers in verschiedenen Reinkarnationen auf die Erde und schlussendlich darum, die menschliche Wahrnehmung von Realität und Tod in Frage zu stellen.

Gordimer "Loot"

Alles in allem ist der Band nicht gerade fröhlich. Das muss aber auch nicht immer sein. Wenn man sich darauf einlässt, kann man an Nadine Gordimers Erzählband „Loot“ (dt. „Beute und andere Erzählungen“) durchaus Gefallen finden: Sehr tiefgründig taucht Nadine Gordimer in die unterschiedlichen Lebenssituationen ihrer Protagonisten ein und zeichnet oftmals ein sehr detailliertes und überzeugendes Bild des menschlichen Miteinanders.
Mir persönlich sind die stilistischen Wechsel stellenweise zu viel. Für mich fühlt es sich an, als dränge sich in diesen Momenten die Autorin vor ihren Inhalt und verdecke ihn, anstatt ihn für sich sprechen zu lassen. Das ist aber wahrscheinlich auch einfach Geschmackssache. Und vielleicht auch Gewöhnung – bin ich doch eher Romane gewöhnt als Kurzgeschichten.

 

Titel: Loot and other stories
Autorin: Nadine Gordimer
Herausgeber: Bloosmbury Publishing
Erschienen am: 20.09.2004
Umfang: 256 Seiten
Preis: 12,99 £
ISBN: 9780747565383
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1 Kommentar

  1. […] Edit (01.12.2014): Inzwischen ist meine Meinung zum Buch online – ihr findet sie hier. […]

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