Christina Bacher (Hrsg.): „Köln trotz(t) Armut. Bestes vom Kölner Straßenmagazin DRAUSSENSEITER.“

Zum Kölner Stadtbild gehören Kleinkünstler, Bettler und Straßenzeitungsverkäufer genauso wie Touristen auf der Durchreise, Prominente am Set oder ‚Normalos‘ auf dem Weg zur Arbeit. Alle bewegen sich oft auf ganz unterschiedlichen Wegen – ohne einmal den Blick über den Tellerrand zu wagen.

Christina Bacher
Christina Bacher

Mit dieser einleitenden Beschreibung trifft die Herausgeberin des Buches, Christina Bacher, den berühmt-berüchtigten Nagel so ziemlich auf den Kopf: Köln besitzt eine große menschliche Vielfalt, ein wirkliches Miteinander von allen Einwohnern glückt aber doch seltener, als man auf den ersten Blick denken mag. Das gilt noch einmal besonders für die Beziehung zwischen Bürgern und Berbern, wie sich die Wohnungslosen selbst nennen. Genauso wie das Straßenmagazin „DRAUSSENSEITER“, aus dem viele der Texte in redigierter und neu-aufbereiteter Form stammen, richtet das Buch sein Hauptaugenmerk auf Menschen „jenseits der Sonnenseite des Lebens“. Das Resultat sind eindringliche und bewegende Geschichten, direkt aus dem Leben gegriffen und alles andere als fiktiv.

Deshalb ist das Buch auch in Kooperation von Bürgern und Berbern entstanden: „Die Inhalte stammen sowohl von gestandenen Journalisten und Publizisten, wie beispielsweise Martin Stankowski oder Willi Keinhorst, als auch von Leuten von der Straße“, betont Christina Bacher. Ihr ist wichtig, dass die Leser sich bewusst werden, dass Menschen einfach Menschen sein können – wenn die Vorurteile zur Abwechslung draußen bleiben: „Jeder Mensch hat etwas Interessantes zu erzählen, da ist erst einmal ganz egal, wo er herkommt, wer er ist und wie viel Geld er in der Tasche hat.“ Es soll eine Brücke geschlagen werden, um mehr Respekt und Toleranz zwischen allen Kölnern zu erwirken.

Das Konzept lässt sich natürlich auf alle Orte weltweit übertragen, an denen Menschen in einer Gemeinschaft zusammen leben. Die konkreten Tipps zum Überleben, die Reportagen über verschiedene Einrichtungen und Initiativen, die Versorgung und Unterstützung in unterschiedlichen Notlagen bieten, fokussieren zunächst aber auf Köln und wurden gezielt ausgewählt: „Wir haben uns entschieden, dass wir diejenigen Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe darstellen, die auch untereinander sehr kollegial miteinander umgehen und sich gegenseitig helfen“, sagt Christina Bacher. Auch die Portraits der zum Teil ehemals wohnungslosen Straßenzeitungsverkäufer erzählen reale Geschichten aus der Domstadt, ebenso wie die Interviews mit Kölner Bürgern, die etwas für das Miteinander aller bewegen (wollen).

Bei einigen Schicksalen fällt es schwer sie ‚einfach mal so‘ zu lesen, leichte Kost ist das Buch mit Sicherheit nicht. Aber gerade durch diese Ehrlichkeit und Offenheit der Betroffenen, wird nicht nur deutlich, dass es jeden treffen kann – sondern vor allem auch, wie der Weg zurück in die Gesellschaft gelingen kann. Dass es keine Sackgasse sein muss, wenn einem geholfen wird. Das Buch möchte Mut machen und zeigen, dass niemand alleine ist: Denn auch wenn es sich primär an Menschen richtet, die sich selbst in einer krisenhaften Notlage wie Wohnungslosigkeit befinden, so spricht es auch Menschen an, die jemanden in einer solchen Lage kennen und nicht wissen, wie die richtige Unterstützung aussehen kann.

Das Buch selbst ist auch ein solcher Beweis, dass mit der richtigen Unterstützung einiges bewegt werden kann. Nicht nur haben Bürger und Berber es gemeinsam gestaltet, das Mitwirken vieler hat auch dafür gesorgt, dass die Verkäufer des Straßenmagazins „DRAUSSENSEITER“ zusätzlich das Buch verkaufen können. Die Ausgaben für die Straße wurden durch Crowdfunding finanziert, so dass die Verkäufer den Erlös direkt bekommen können. Über diesen zusätzlichen Zuschuss freuen sich ehemalige Wohnungslose wie Linda und Herbert natürlich, deren Portraits auch im Buch zu finden sind. Vor allem aber hoffen sie, dass das Buch zu mehr Respekt und Akzeptanz führt: „Ich finde gut“, sagt Linda, „dass auch Portraits von den Verkäufern drin sind, damit die Vorurteile, die gegen uns Wohnungslose herrschen, hoffentlich ein bisschen abgebaut werden.“ Und Herbert fügt hinzu: „Einfach zu wissen, dass dieses Leben mehr ist als der Penner, der betrunken irgendwo in der Schildergasse liegt und bettelt – ich hoffe, dass das Buch da einiges tun kann.“

Auch wenn „Köln trotz(t) Armut“ weder die Welt grundlegend verändern können, noch alle Vorurteile auf einmal beseitigen wird, so regt es doch auf jeden Fall zum Nachdenken an: Zum Nachdenken über sich selbst und das eigene Leben, aber vor allem auch über andere und darüber, wie es ihnen geht. Wie auch der „DRAUSSENSEITER“ gibt es den Kölnern eine Stimme, die sonst oft überhört, oder auch übersehen werden.

Titel: Köln trotz(t) Armut. Bestes vom Kölner Straßenmagazin DRAUSSENSEITER
Herausgeberin:
Christina Bacher
Verlag:
Daedalus
Erschienen im:
September 2014
Umfang:
144 Seiten
Preis:
9,95 € (Print, Broschur)
ISBN: 
978-3-89126-235-1
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2 Kommentare

  1. Anne Loew sagt: Antworten

    Klingt sehr interessant. Was wissen wir denn schon darüber, warum manche Menschen auf der Strasse leben. Und wie achtlos – und manchmal auch verächtlich – gehen wir an ihnen vorbei.

    1. Christina Löw sagt: Antworten

      Das ging mir auch durch den Kopf, als ich mich mit Herbert (der auch im Beitrag erwähnt ist) unterhalten habe…
      Als Bettlektüre würde ich dir das Buch nicht empfehlen, dazu kommt man bei den ganzen Lebensgeschichten zu sehr ans Grübeln und Nachdenken, aber zu anderen Zeitpunkten ist es eine sehr gute Sache!

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