„Bunker Diary“ von Kevin Brooks – eine unqualifizierte Rezension

14-08-01 Cover Bunker Diary

„Montag, 30. Januar – 10.00 Uhr. Das ist alles, was ich weiß. Ich befinde mich in einem  rechteckigen Bau mit niedriger Decke. Er besteht aus weiß getünchtem Beton, ist circa zwölf Meter breit und achtzehn Meter lang. In der Mitte gibt es einen Flur, von dem ungefähr auf halbem Weg ein etwas kürzerer Flur zu einem Aufzugschacht abgeht. An dem Hauptflur liegen sechs kleine Zimmer, drei auf jeder Seite. […] Es gibt keine Fenster. Auch keine Türen. Der Aufzug ist der einzige Weg rein oder raus.“

Linus ist sechzehn, von Zuhause abgehauen und lebt auf der Straße. Bis er gekidnappt und in einen Bunker gebracht wird, in dem nach und nach auch fünf andere Personen auftauchen. Wer sein Entführer ist? Er weiß es nicht. Warum er entführt wurde? Keine Ahnung. Wahllos scheinen die entführten Personen gegriffen worden zu sein: die gerade mal neunjährige Jenny, und die Erwachsenen Fred, der drogenabhängig ist, Anja, eine aufgetakelte Geschäftsfrau, Bird, ein unheimlich wichtigtuerischer Geschäftsmann, und Russell, ein Philosoph. Sie alle reagieren vollkommen unterschiedlich auf ihre Gefangenschaft. Darauf, dass ihr Entführer die Uhren im Bunker manipuliert; darauf, dass die einzige Abwechslung von einem Aufzug kommt, der entweder leer oder manchmal auch mit Lebensmitteln gefüllt die Türen öffnet; auf die Isolation, die Frage nach dem Warum, auf den Nahrungsentzug und die Drogen, die Kameras und die absolute Hilflosigkeit. Oder auf die Psychospielchen, die Verheißung der eigenen Freiheit, wenn man dafür einen anderen tötet, das stete Misstrauen den anderen gegenüber.
Und auch der Leser schwebt irgendwo mittendrin, weil Linus Tagebuch schreibt und somit quasi mit dem Leser einen Dialog führt – nur, dass der Leser nichts sagen kann, denn auch er kennt die Motive nicht.
„Wenn es dich gibt und du das hier liest, bin ich wahrscheinlich tot.“
Und eines Tages verändert sich das einzig Verlässliche im Bunker-Leben: Der Aufzug kommt nicht mehr.

Das ist der Punkt, an dem es eine unqualifizierte Rezension wird. Wenn Kevin Brooks die Regeln für Jugendliteratur brechen kann, dann kann ich auch die Regeln für Rezensionen brechen – indem ich das Ende erzähle.
„Wenn es dich gibt und du das hier liest, bin ich wahrscheinlich tot.“ – Dieser kleine Satz, der zunächst so dahingesagt wirkt, trifft es: die Erwachsenen sterben, zuletzt bleiben nur Jenny und Linus übrig. Und während man dem Ende des Buches immer näher kommt und sich fragt, wann die Polizei die beiden endlich befreit, wann der Kidnapper geschnappt und die Motive offenbart werden – stirbt auch Jenny. Linus Tagebucheinträge sind nur noch ein paar Zeichen lang und unzusammenhängend, zeugen von Dehydration, Schmerz und Angst. Bis man umblättert und nur noch weißes Papier vor sich hat. Drei, vier, fünf Seiten Weiß. Weil kein Eintrag mehr kommt. Weil es den Leser gibt und er das hier gelesen hat und Linus jetzt tot ist. Weil Kevin Brooks gegen die ungeschriebene Regel verstoßen hat, dass man Protagonisten nie sinnlos sterben lässt – und schon gar nicht ohne die Bösen aufzudecken und zu bestrafen. Doch der Kidnapper wird nie gefunden und bestraft – zumindest nicht in diesem Buch. Der Leser weiß nichts. Nur, dass jede Hilfe, sollte sie überhaupt je gekommen sein, zu spät kam.
Fassungslos saß ich nach der letzten Seite da. Fassungslos, weil so viel Ungerechtigkeit, unbeantwortete Fragen und Sinnlosigkeit in einem Roman kaum zu ertragen sind.
Und da kommen wir auch schon an die Crux des Ganzen: das Ende finde ich genial. So etwas gibt es noch nicht und so etwas traut sich kaum ein Autor – und genau deswegen finde ich es grandios. Auch, dass es in einem Jugendbuch gemacht wurde. Dass jungen Lesern die vollkommen offenbarte Sinnlosigkeit des Lebens präsentiert wird und es keinen Helden gibt und keine Gerechtigkeit. „Bunker Diary“ überrascht – weil auch ich bis zur letzten Seite auf den Schluss gewartet habe: dass die Polizei Linus findet, er in allen Medien ist und man seinen Entführer zur Rechenschaft zieht.
Warum also Crux? Weil das zweite Drittel von „Bunker Diary“ sich in die Länge zieht und fast schon langweilig wird. Rückblickend betrachtet geht es gar nicht anders: schließlich steht das Bunker-Leben im Mittelpunkt, die seltsame Routine, die sich dort bildet, die Gespräche, zum scheitern verurteilte Fluchtversuche und die Psychospiele, welche die Tagebucheinträge eigentlich unlesbar machen. Rückblickend betrachtet finde ich das alles auch genial. Aber während ich noch am Lesen war, als ich das Ende noch nicht kannte und von einer gewöhnlichen Entführungsstory ausging, kam es mir zwischenzeitlich etwas langatmig vor.
Leider hat auch der Übersetzer, Uwe-Michael Gutzschhahn, den ein oder anderen Satz zu wörtlich genommen. Wer Englisch kann, wird zwischendrin Jugendsprache finden, die im Englischen funktioniert, im Deutschen aber leider eben einfach nur übersetzt wirkt.
Dennoch: Es lohnt sich auf jeden Fall, „Bunker Diary“ zu lesen, auch wenn man das Ende schon kennt. Nicht nur, weil Kevin Brooks ein bekannter Autor ist, der bereits zwei Mal den Deutschen Jugendliteraturpreis erhielt. Sondern vor allem weil er es mit diesem Werk schafft, den Leser mit vollkommener Sinnlosigkeit zu fesseln.

Kevin Brooks wurde 1959 geboren und wuchs in Südengland auf. Vor seinem Erfolg als Autor mit „Martyn Pig“ verdiente er sein Geld mit Gelegenheitsjobs.
Mittlerweile schreibt er neben Jugendromanen auch Kriminalromane für Erwachsene.

Titel: Bunker Diary (ab 15 Jahre)
Autor: Kevin Brooks
Herausgeber: Deutscher Taschenbuchverlag (dtv)
Erschienen am: 01.03.2014
Umfang: 300 Seiten
Preis: 12,95 €
ISBN: 978-3-423-74003-6
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2 Kommentare

  1. Hey =)
    Ich habe das Buch auch gelesen als es erschienen ist und mich konnte es überhaupt nicht begeistern. Mit den Protagonisten wurde ich nicht warm. Für mich persönlich hatte die Geschichte zu wenig Spannung. Ich hätte gern mehr über den Entführer erfahren. So bleibt der Leser mit tausend Fragezeichen im Kopf zurück und weiß am Ende gar nichts. Das fand ich ein bisschen schade.
    Eine tolle Rezension hast du geschrieben =)
    LG Sunny

    1. Liebe Sunny,
      genau das hat mir irgendwie zugesagt. Ich fand, der Roman hatte Längen zwischendurch, durch die man sich ein wenig kämpfen musste, aber dass am Ende alles so offen gelassen wurde, das fand ich wirklich spannend und auch gut. Ansonsten wäre es „nur“ eine Entführungsgeschichte gewesen, aber so war es einfach neu.
      Aber da gehen die Meinungen auseinander 😀 Ich hab auch schon von Leute gehört, dass sie das Buch deswegen total mies fanden oder dass man so was in einem Roman einfach nicht machen kann – etc. Aber wenn wir alle immer einer Meinung wären, dann wäre es ja langweilig 😉
      Liebe Grüße
      Kerstin

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