AT MK IS 10 – „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf

Maik Klingenberg ist vierzehn Jahre alt und ein Langweiler. Findet er. Finden seine Klassenkameraden. Findet wahrscheinlich sogar Tatjana, in die er sich unsterblich14-07-24 Tschik - Herrndorf verliebt, aber mit der er noch kein Wort gewechselt hat.

Aber so war das eben. Das war die Scheißschule, und das war das Scheißmädchenthema, und da gab es keinen Ausweg. Dachte ich jedenfalls immer, bis ich Tschick kennenlernte. Und dann änderte sich einiges.

Tschick, der Russen-Asi mit Kontakten zur Russenmafia, der abwechselnd in einem Wohnwagen und einer Russen-Villa wohnte – wenn man den Gerüchten in der Schule Glauben schenken wollte. Tschick, mit dem Maik nichts zu tun haben wollte, sicherheitshalber.

Aber irgendwie kommt es dann doch immer anders, als man denkt, und so machen sich Tschick und Maik zusammen in einem geknackten Lada auf den Weg in die Walachei – ohne Kompass, Karte oder einen Plan. Stattdessen fahren sie durch deutsche Provinzen, über Felder, Autobahnen und Baubrücken. Begegnen Menschen, die mal mehr und mal weniger hilfsbereit sind, lernen, wie man Benzin klaut, Freundschaften auf Müllhalden schließt und Berge erklimmt.

Es war, als ob der Lada von alleine durch die Felder fuhr, es war ein ganz anderes Fahren, eine andere Welt. Alles war größer, die Farben satter, die Geräusche Dolby Surround, und ich hätte mich, ehrlich gesagt, nicht gewundert, wenn auf einmal Tony Soprano, ein Dinosaurier oder ein Raumschiff vor uns aufgetaucht wäre.

Ihre Reise steckt an: man träumt davon, was wäre wenn … wenn man alles zurück lassen könnte, einfach aufbrechen, ohne an die Konsequenzen zu denken, alles auf eine Karte setzen. Nicht ohne Neid verfolgt der Leser die Reise dieser beiden Jugendlichen, hineingerissen in eine Weltanschauung, die so naiv und kindlich und gleichzeitig erwachsen und ehrlich ist, und trotzdem komplett harmoniert. Erst recht durch die konsequente Erzählung aus Maiks Sicht, der eben nicht nur berichtet, sondern kommentiert, ausschweift oder kürzt, und das in einer Sprache, die es auf den Punkt trifft. Nur selten (wenn es Maik beispielsweise zum x-ten Mal „den Stecker zieht“) hat man das Gefühl, dass da ein Erwachsener ist, der über Jugendliche schreibt; die meiste Zeit ist die Sprache schlichtweg eins: authentisch.

„Tschick“ ist knapp vier Jahre nach Erscheinen noch immer nicht von der „Spiegel Bestseller-Liste“ verschwunden und wird es wohl auch sobald nicht. Schon jetzt wird der Roman an Universitäten und in Schreibworkshops wie ein Klassiker diskutiert. Weil „Tschick“ es schafft, ein neues Licht auf die Welt zu werfen, ohne dabei in irgendeiner Weise mit dem erhobenen Zeigefinger zu winken. Für 256 Seiten fühlt man sich freier, als hätte nur der Griff zu diesem Buch schon etwas bewirkt. Als würde man direkt morgen in ein Auto steigen und einfach losfahren.

Clayderman klimperte, und dass er da so klimperte und dazu das eingedetschte Dach, Tschicks zerstörter Fuß und dass wir in einer hundert Stundenkilometer schnellen, fahrenden Müllkippe unterwegs waren, machte ein ganz seltsames Gefühl in mir. Es war ein euphorisches Gefühl, ein Gefühl der Unzerstörbarkeit. Kein Unfall, keine Behörde und kein physikalisches Gesetz konnte uns aufhalten. Wir waren unterwegs, und wir würden immer unterwegs sein, und wir sangen vor Begeisterung mit, soweit man bei dem Geklimper mitsingen konnte.

Wolfgang Herrndorf wurde 1965 in Hamburg geboren, studierte Malerei und ist seit 2002 als Autor tätig. Er wurde unter anderem mit dem Deutschen Erzählerpreis (2008), dem Brenanto-Preis (2011), dem Deutschen Jugendliteraturpreis (2011), dem Hans-Fallada-Preis und dem Leipziger Buchpreis (2012) ausgezeichnet. Wolfgang Herrndorf beging am 26. August 2013 Selbstmord.

Titel: Tschick
Autor: Wolfgang Herrndorf
Herausgeber: Rowohlt Berlin
Erschienen am: 17.09.2010
Umfang: 256 Seiten
Preis: 8,99 €
ISBN: 978-3-87134-710-8
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12 Kommentare

  1. In Hamburg gab es sogar schon ein Theaterstück zum Roman. Ich habe es leider immer noch nicht geschafft, das Buch zu lesen, aber deine Rezension hat mich noch ein Stückchen neugieriger gemacht!

    1. Hi!
      Ja, hier wird auch seit ein paar Tagen eins aufgeführt. Ich hoffe, ich schaffe es noch hin. Nächstes Jahr wird das Buch auch verfilmt 😉
      Ich kann’s dir wirklich nur empfehlen – es ist echt toll!
      Liebe Grüße
      Kerstin

    2. Jan sagt: Antworten

      ich finde das buch super

  2. Dieses Buch steht schon sooo lange auf meiner Wunschliste! Ich muss es nach dieser Rezension wirklich mal lesen. (ich weiß eigentlich gar nicht, was mich so lange davon abgehalten hat!?!)

    1. Liebe Tamy,
      ja! Ja! Ja! Ja! Das Buch solltest du unbedingt lesen! Schnell! 😉
      Grüße
      Kerstin

  3. […] einigen dieser Bücher gibt es hier auf dem Blog sogar schon Rezensionen von Kerstin und Andrea. Wie meine Meinung aussieht, erfahrt ihr […]

  4. […] Falls es euch stört, dass meine Rezension nicht sooo positiv ausfällt, könnt ihr Kerstins lesen. Ihr hat das Buch doch noch eine gute Ecke besser gefallen als mir. Schlecht fand ich es auch […]

  5. Ich stöbere so durch deine Rezensionen und stoße auf Tschick. Längst steht er in meinem Bücherregal und ich habe ihn immer noch nicht gelesen. Nach deinem Beitrag wird er mir erneut schmackhaft gemacht. Danke dafür.

    Liebe Grüße

    Nisnis

    1. Ich kann’s dir nur wieder und immer wieder ans Herz legen. Der Film ist übrigens auch richtig gut geworden. Bei deutschen Produktionen bin ich ja immer etwas skeptisch – aber sobald der auf DVD erscheint, werde ich ihn mir kaufen!
      Liebe Grüße
      Kerstin

  6. Hallo Kerstin,

    Dieses Buch hat mir leider gar nicht gefallen. Ich musste es damals in der 9. Klasse in Deutsch lesen und es war nicht meins. Ich habs glaub ich sogar abgebrochen :/ Vielleicht ist es ja noch einen Versuch wert, mal schauen 🙂

    Liebe Grüße vom #litnetzwerk
    Andrea 🙂

    1. Hallo Andrea,
      oh weh! „Tschick“ gehört für mich zu den besten Büchern, die ich je gelesen habe. Aber das Label „Schullektüre“ kann auch richtig gute Bücher ruinieren. Falls du ihm noch mal eine Chance gibst, bin ich gespannt, wie dein Fazit ausfällt 😉
      Liebe Grüße
      Kerstin

      1. Hallo Kerstin 🙂
        Ja, das Leben „Schullektüre“ hat mir wirklich schön viele Bücher vermiest :/
        Ich berichte dann auf meinem Blog dazu, was ich davon halte 😉
        Liebe Grüße
        Andrea 🙂

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