Arnon Grünberg und „Der Mann, der nie krank war“

IMG_0004Samarendra Ambani ist Architekt. Schweizer Architekt. Mit indischem, aber verstorbenem Vater, schwer kranker Schwester Aida und fast perfekter Freundin Nina, für die er zwar Liebe, aber selten Leidenschaft empfindet. Doch das ist okay, denn Nina ist ebenso eher umsichtig und achtet auf die wichtigen Dinge im Leben.

Und auch Nina war sehr auf Hygiene bedacht. Jedes Mal, bevor sie sein Geschlechtsteil in den Mund nahm, rieb sie es mit einem Feuchtpflegetuch ab, von derselben Sorte, mit der Familie Ambani Aida den Po reinigte.

Nach einem Praktikum beim weltbekannten Architekten und Vorbild Max Fehmer, gründete Samarendra mit einem Kompagnon sein eigenes Architekturbüro und geht vollkommen in seinem Beruf auf. Als ein Wettbewerb ausgerufen wird, eine Oper für Bagdad zu entwerfen, beschließt Sam, dass er sich dieser Aufgabe alleine stellen wird. Auf Einladung eines reichen Exil-Irakers fliegt er nach Bagdad, um seinen Entwurf zu präsentieren. Dass dem Irak eine Oper fehlt, da stimmt Sam dem Geldgeber zu – außerdem hat er in den Zeitungen eh gelesen, dass der Irak das Schlimmste bereits überstanden habe. Doch als er dort ankommt, wird er von dubiosen Sicherheitsleuten abgeholt, in eine heruntergekommene Villa gebracht, wo er weder Telefon- noch Internetempfang hat – und sein Auftraggeber taucht auch nicht auf. Als Samarendra dann erfährt, dass dieser ermordet wurde, macht er sich eigenständig auf den Weg durch Bagdad zur Schweizer Botschaft – nur, um von Militärs gefangen genommen und gefoltert zu werden.

Kaum wieder zurück in der Schweiz, leidet Sam an einem Trauma, über das er nicht sprechen kann und dessen er sich nicht bewusst ist. Er bringt Nina dazu, ihn wie seine irakischen Peiniger „Dog“ zu nennen und auf ihn zu pinkeln. Mit seinem Kompagnon ergreift er die nächste Chance, im Osten ein bedeutendes Bauwerk zu entwerfen: Eine riesige Bibliothek in Dubai. Dass diese Bibliothek auf einem geheimen Bunker gebaut werden soll, erscheint Sam nicht weiter problematisch. Auch als er von Polizisten betrunken am Steuer aus dem Verkehr gezogen wird, ahnt er nichts Schlimmes. Denn wie im Irak klammert er sich an einen Glauben:

Natürlich blufft er, sie können einen Schweizer Staatsbürger nicht einfach umbringen. Dass die Iraker sich das gegenseitig antun, ist die Welt inzwischen gewohnt, das ist eigentlich auch eine innere Angelegenheit. Gewalt gehört zu diesem Land, zu dieser Kultur. Doch ein Schweizer Staatsbürger kann nicht einfach getötet werden, das wird der Westen nicht hinnehmen, die Schweizer Regierung nicht zulassen.

Arnon Grünberg entwirft eine Geschichte, die so skurril und voller Zufälle ist, dass sie wieder glaubhaft wird. Der Leser wird hineingezogen in eine Verstrickung von Verleumdnung, Bürokratie und Naivität, dass er wie Samarendra eigentlich nicht so richtig merkt, was da gerade vor sich geht. Auch als Sam das Schlimmste passiert, er gefoltert, erniedrigt, verurteilt wird, empfindet man ein wenig Ungläubigkeit, aber keineswegs Mitleid. Wie Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schrieb:

Der integrierte Superschweizer, der sich aus allem heraushalten zu können glaubte, hat über Form, Funktionalität und Schönheit seiner Entwürfe die Menschen und deren Realität aus den Augen verloren.

 Irgendwie scheint es doch den Richtigen zu treffen im Roman. Was jedoch zurück bleibt, ist ein Gefühl von Unsicherheit. So skurril die Vorfälle in der Geschichte auch sind, der Leser bleibt nach der letzten Seite nachdenklich zurück. Wie Franz Kafka schafft es auch Arnon Grünberg, mit skurillen Ereignissen echte Fragen aufzuwerfen. Parallelen sind definitiv zu finden: Sams Prozess erinnert an Josef K., auch Kakerlaken finden Platz im Romangeschehen, nicht nur als lebendig auftauchendes Ungeziefer, sondern auch in der Art und Weise, wie mit Samarendra umgegangen wird. Vermischt mit der klaren Sprache und ein wenig Ironie, ist „Der Mann, der nie krank war“ ein Buch, welches man gelesen haben sollte.

Der schmale Roman liest sich fast wie ein Theaterstück: Der Plot ist reich an überraschenden Wendungen, die Sprache nüchtern, die Dialoge sind pointiert, die Figuren und Szenen knapp, aber präzise skizziert. (FAZ)

Wer jetzt noch nicht überzeugt ist, sollte am Mittwoch, den 10. September, ins Literaturhaus Köln kommen. Dort liest Arnon Grünberg um 19.30 Uhr. Moderiert wird von Guy Helminger – es wird mit Sicherheit ein spannender Abend! Tickets gibt es unter anderem hier.

Titel: Der Mann, der nie krank war
Autor: Arnon Grünberg, übersetzt von Rainer Kersten
Herausgeber: Kiepenheuer & Witsch
Erschienen am: 14. August 2014
Umfang: 240 Seiten
Preis: 18,99 € (gebunden)
ISBN: 978-3-462-04660-1
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2 Kommentare

  1. Lustig! Während ich deine Rezension las, dachte ich, dass mich das doch etwas an Kafka erinnert und dann ziehst du selbst die Parallele. Das ist ein Kaufargument ohne gleichen. Ich glaube, ich muss mich von deinem Blog fernhalten. So kann das nicht weitergehen! (Aber schöne Rezension!)

    Liebe Grüße <3

    1. Haha! Dieses Buch ist es aber definitiv Wert, gekauft zu werden 😉 das ist echt klasse!
      Und danke 🙂

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