„April“ von Angelika Klüssendorf

April - Angelika Klüssendorf

Ich habe mich wirklich schwer getan mit Angelika Klüssendorfs Roman April. Mehrmals brach ich ihn ab, legte ihn zur Seite, kam doch wieder zurück – über ganze zwei Jahre zog sich dieser Prozess. Am Ende bleibe ich vor allem eines: Unschlüssig darüber, ob in diesem Sich-Schwer-Tun die Stärke oder Schwäche des Romans liegt.

2014 stand April auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Und seither liegt der Roman bei mir. Oft nahm ich ihn in die Hand, habe wieder begonnen, doch nach ein paar Zeilen abgebrochen. Grund dafür ist die nicht gerade rosige Handlung, denn die Protagonistin hat keine leichte Kindheit in der DDR hinter sich. Der Vater trinkt und glänzt vor allem durch Abwesenheit, die Mutter ist zwar da, doch schlägt und misshandelt sie die Kinder und tyrannisiert sie. All das erfährt man zwischen den Zeilen und ausführlicher in dem vorangegangenen Roman Das Mädchen von Angelika Klüssendorf, der ebenfalls auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand. April ist also eine Fortsetzung, ohne wirklich eine Fortsetzung zu sein, denn der Roman funktioniert auch gut unabhängig vom Vorgänger. Er beginnt damit, dass das Mädchen, das sich selbst den Namen April – nach einem Song von Deep Purple – gegeben hat, nach einer Kindheit im Heim nun eine Wohnung mit kläglicher Einrichtung zugewiesen bekommt bei einer älteren Dame. Einen Job hat sie auch und wäre damit eigentlich startklar fürs Leben, doch in ihrem Alltag ist alles grau.

Sie wartet auf den Dienstag. Dienstags bleibt das Fräulein bis spätabends in der Fabrik, Toilettendienst. April plant, sich an diesem Tag umzubringen. Sie ist nicht besonders aufgeregt oder traurig bei dem Gedanken, sie hat es einfach nur satt zu atmen.

Diese Tristess und Lethargie überträgt sich auf den Leser. Die Sätze ziehen sich dahin, ohne dass Spannung aufkommt. Es ist farblos, lieblos, leidenschaftslos. Selbst die paar Lichtblicke, die April in ihrem Alltag hat, sind irgendwo nur traurig und werden nicht weiter ausgeführt. Denn sie entspringen nur ihrer Fantasie, die anscheinend nicht sonderlich blühend ist, oder aber dem Leser nicht als blühend präsentiert werden.

Sie hat sich Kohlen besorgt und versäumt, ihre Miete zu bezahlen. Sie ernährt sich von Tütensuppen und dem Frühstück aus dem Kombinationskiosk. Während der Arbeit versinkt sie in Tagträumen, in denen sie interessante Menschen kennenlernt. Abends in ihrem Zimmer schreibt sie lange Briefe an einen unbekannten Geliebten, dem sie sich in wechselnden Rollen vorstellt, mal als Studentin der Tiermedizin, mal als Schauspielerin oder einfach nur als Abenteuerin.

April kämpft. Mit sich, ihrem Körper, ihrer Weiblichkeit, ihrem Umfeld, der Gesellschaft, den Erwartungen an sie und nicht zuletzt mit ihrer Psyche. Nur dass „kämpft“ es nicht ganz trifft, denn mit etwas kämpfen ist aktiv. Die Protagonistin in Angelika Klüssendorfs Roman ist einen Großteil der Zeit passiv. Das macht es unheimlich schwer zu lesen, weil April der Wille fehlt, ein Ziel. Sie lebt vor sich hin, und wenn sie sterben würde, wäre das auch nicht dramatisch. Sie schläft mit Männern, weil – ja, warum eigentlich? Sie geht zur Arbeit, ohne zu arbeiten. Letztendlich gründet sie sogar eine DDR-kritische Publikation, ohne wirklich zu merken, dass sie damit in Teufelsküche kommen könnte.

Es gibt Tage, da scheint sie unsichtbar zu sein, dann wieder spürt sie Blicke auf sich ruhen, als sei sie etwas Besonderes. Bisweilen erwiderte sie die Blicke, schaut so lange, bis der andere wegsieht – ein Spiel aus der Kindheit. Doch wie geht es weiter nach dem Spiel? Das Erwachsensein strengt sie an.

Nicht nur, dass es sie anzustrengen scheint, es überfordert sie auch. April hat zwar beinahe den Körper einer Frau – sie vermisst die Weiblichkeit, die Rundungen, trägt Hosen unter ihrer Hose, damit sie nicht so dünn und knochig aussieht -, doch im Kopf ist sie ein Kind. Nicht, weil sie kindlich ist, aber weil sie verloren ist. Ihr fehlt die Leitung, jemand, der ihr Konsequenzen aufzeigt, sie führt, unterstützt und ihr Dinge erklärt.

Sie weiß nicht, wie man sich behauptet, auf Art der Erwachsenen, wie man sich durchsetzt, Gehör verschafft […]

April - Angelika Klüssendorf

Sie stürzt sich in die Beziehung mit Hans, weil er intellektuell und belesen ist. Doch Unterstützung erfährt sie dort nicht. Denn Hans kann mit einer selbstdenkenden Frau nicht umgehen. Hat sie einen Gedanken, wird er von ihm unterdrückt. Äußert sie sich zu Literatur, Philosophie oder Politik, gibt er ihr das Gefühl, ahnungs- und belanglos zu sein. Sie wünscht sich eine normale Familie, kann aber ihrem Sohn Julius keine liebende Mutter sein.

Als sie begreift, wo sie sich befindet, wie weit sie von Hans und Julius entfernt ist, begreift sie auch, dass ihre Sehnsucht nach Normalität nur gestillt werden kann, wenn sie es schafft, sich zu ändern.

Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, ehe April zu der Einsicht kommt, dass sie sich selbst ändern muss, dass sie Ziele braucht, für sich selbst einstehen muss. Diese Einsicht fällt zusammen mit dem Umzug in den Westen, den sie auch eher macht, weil viele ihrer (rebellischen) Freunde „rübermachen“, weil der Staat anscheinend etwas dagegen hat, als dass sie sich wirklich damit auseinander gesetzt hätte und in den Westen will. Dort ist sie erneut überfordert: mit der Masse an Freiheiten. Und dann endlich beginnt April, sich mit ihrer Umgebung und ihren eigenen Wünschen auseinander zu setzen und an sich selbst zu glauben. Dabei hilft ihr nicht zuletzt – und hier greift Klüssendorf doch irgendwo auf ein Klischee zurück – die Literatur und die Kunst.

„Atemlos folgt man einer Heranwachsenden, die nichts hat, worauf sie sich verlassen kann, und trotzdem den Lebenswillen nicht verliert – kein bemitleidenswertes Opfer, sondern ein starker, abgründiger Charakter“, schreibt der Verlag über Das Mädchen. Und ich denke: wirklich? Dann muss April sich in der kurzen Zeit, die zwischen den Romanen liegt, enorm verändert haben. Denn die meiste Zeit war sie mir gänzlich unsympathisch, weil sie einfach nur so vor sich hin lebte. Sie hatte wenig, das sie antrieb, das meiste war ihr egal. Vielleicht hat sie das soziale System der sozialistischen DDR ernüchtert? Klüssendorfs Schreibstil – im Präsens und Hauptsatz, der sich an Hauptsatz reiht – verstärkt diese Lebenseinstellung: monoton, kaum direkte Dialoge. Ich war geradezu genervt von so viel Gleichgültigkeit. Da waren keine Ziele, auf die die Protagonistin zusteuerte, kein Mitfiebern, ob sie diese erreichen würde, keine Spannung. Lediglich ein Dahinplätschern von Ereignissen.

Nachdem ich April dann (endlich) beendet hatte, war ich im Zwiespalt. Denn irgendwo ist die Umsetzung des Romans natürlich sehr gut gelungen. Eine Protagonistin, die eine solche Kindheit erlebt hat, durch die sozialen Institutionen des Staates gereicht wurde, keine Liebe er Eltern erfahren und keine Vorbilder gehabt hat, die kann irgendwo nicht anders werden als April. Wie soll ein solches Mädchen Ambitionen entwickeln, an sich selbst glauben, Träume verwirklichen? In der Hinsicht ist die Umsetzung also unheimlich stark. Gleichzeitig ist das Leseerlebnis erdrückend, monoton, lethargisch. Einer der Gründe, warum ich so lange für diesen Roman gebraucht habe, ist, dass mich das Lesen deprimiert hat. Schwierige und traurige Geschichten sind nicht das Problem, aber eine Protagonistn, die nur vor sich hin lebt, ist schwer zu ertragen.

Mit meiner Meinung stehe ich allerdings anscheinend fast alleine da (Claire Schmartz kreidet dem Roman an, die Verbindung zwischen Sprache und Inhalt nicht zu schaffen), denn wo man auch hinsieht gibt es begeisterte Rezensionen auf Blogs und im Feuilleton (zum Beispiel im Spiegel Online, der taz, bei masuko13 oder Buzzaldrins Bücher). Dort wird der schnörkellose Schreibstil gelobt, die aufwühlende Handlung. In April wird eine Kämpferin gesehen, eine Rebellin voller Lebensmut. Es ist spannend, wie die Leseerfahrungen so auseinander gehen, denn mein Eindruck der Protagonistin ist ein anderer. – Aber auch das ist irgendwo ein Qualitätsmerkmal dieses Romans.

Ich bleibe also zurück und frage mich noch immer: Mag ich dieses Buch nun oder nicht? Eins ist sicher: Es hat mich bereichert, hat mich gezwungen, mich mit der Thematik auseinander zu setzen, letztendlich auch mit der Frage, was mir an Literatur wichtig ist. Und auch wenn ich das Lesen nicht genossen habe, bin ich doch froh, es getan zu haben. Vielleicht werde ich auch noch zu Das Mädchen greifen, und vielleicht weiß ich danach sogar, ob ich es gerne gelesen habe.

Titel: April
Autorin: Angelika Klüssendorf
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Seiten: 224
Preis: 18,99 €
zum Buch

Diese Rezension ist mithilfe der freundlichen Bereitstellung eines Rezensionsexemplars durch den Verlag entstanden. Selbstverständlich hat dies keinerlei Einfluss auf die Bewertung.

2 Kommentare

  1. Eine tolle Rezension! Ich habe „Das Mädchen“ sehr gern gelesen. Vor allem die Sprache fand ich faszinierend und ausdrucksstark. Vom Nachfolger habe ich bei einer Literaturveranstaltung erfahren, bei dem Angelika Klüssendorf so viel aus dem Inhalt erzählt hat, dass ich mir das Lesen danach sparen konnte. 😀

    LG
    Mona

    1. Hallo Mona,
      vielen Dank! 🙂 Ich hab auch damals von einigen gehört, dass sie nicht hoffen, dass „April“ das Rennen macht, weil „Das Mädchen“ besser war und eher hätte gewinnen sollen. Und irgendwie würde es mich ja schon reizen, dieses Buch zu lesen … nur ist gerade die Scheu doch noch da. Mal sehen. Es läuft ja nicht weg 😉
      Und zu den Veranstaltungen: Öhm. Das ist ja … öh … doof? Ein bisschen ins eigene Fleisch geschnitten.
      Liebe Grüße
      Kerstin

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