14.10.14 – Libba Bray treibt im Jungen Literaturhaus Köln ihr Unwesen

Der Prolog gibt einen Vorgeschmack auf das Grauen, dass in „The Diviners“ wartet

Libba Bray. Ein Name, der weltweit Fans hat, denn mit ihrer Trilogie um Gemma Doyle („Der geheime Zirkel“) schaffte sie es sofort auf die New York Times Bestseller Liste.

Jetzt, mit ihrer neuen Tetralogie „The Diviners“, ist sie auf Lesereise. Mit im Gepäck Band 1 der Reihe um die Jugendlichen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, in einer Zeit, als Jazz, Partys und Alkohol den großen Traum versprachen, aber auch viel Dunkles lauerte.

Gestern Abend las Libba Bray im Jungen Literaturhaus Köln. Das Gespräch führte Ines Dettmann, die deutschen Passagen las Heidrun Grote. Eines kann man sagen: Es war ein unterhaltsamer Abend. Was direkt eine Einheit auf der Bühne schaffte: Alle drei trugen eine Brille. Eine solch tiefe Verbindung kann nur zu einem gelungenen Abend führen!

Libba Bray (links) und Ines Dettmann (rechts)

Direkt zu Anfang wurde dann mit einem gängigen Klischee aufgeräumt. Auch wenn Libba Bray aus Sweet Home Alabama kommt, wurde sie nicht mit einem Banjo auf dem Knie geboren, obwohl sie in einer Band spielt. Da haue sie aber lieber aufs Schlagzeug – sie schlage gerne Dinge. Und obwohl sie eher langweilig sei, da sie nur Haut überm Knie habe und kein Banjo, wuchs sie in einer Familie auf, die eher verrückt und chaotisch sei. Nicht, wie man es sich vorstellt, wenn man hört, dass die Mutter Lehrerin und der Vater presbytanischer Pfarrer war. Und natürlich kann eine solche Behauptung nicht einfach im Raum stehen bleiben: Libba erzählte uns direkt von ihrem Umzug von South Texas nach North Texas, zwei Gegenden, die zwar ähnlich klingen, aber grundverschieden sind. Am Tag vor dem Umzug wurde Libbas Bruder in den Kopf geschossen – mit einer Schreckschusspistole. Kein irreparabler Schaden also, aber er halluzinierte und übergab sich und zeigte die üblichen Anzeichen einer Gehirnerschütterung. Also gingen sie mit ihm zum Arzt, und wie das in den 1970er Jahren so war, lehnte der Arzt mit einer Kippe im Mundwinkel da, vermutlich auf Drogen, und sagte so was wie „Sieht für mich vollkommen in Ordnung aus. Packen Sie ein Pflaster drauf, dann wird das schon.“ Also machten sie sich auf den Weg nach North Texas, eine Reise, die immerhin über zwei Tage dauerte. Und Libbas Bruder halluzinierte vor sich hin, alle fragten, ob alles in Ordnung sei, aber „Ja, ja – es ist alles in Ordnung“, denn der Arzt hatte es ja abgesegnet. In North Texas angekommen, stattete ein Arzt dann doch einen Hausbesuch ab und fragte, ob Libbas Eltern noch ganz beisammen wären – der Junge gehöre in ein Krankenhaus. – Das würde ihre Kindheit ganz gut zusammen fassen.

Zwei, die harmonierten

Ihr Leben gab also genug Stoff her für die eine oder andere Geschichte. Doch Libba blieb nicht bei realen Geschichten, sie schrieb über fantastische Wesen und Welten, die nur bedingt etwas mit ihrem Umfeld zu tun hatten. So handelte ihre erste Geschichte, die sie mit 10 Jahren schrieb, von Mädchen mordenden Vampiren, die von einer Gruppe aus Mädchen gejagt wurden. Und in dieser Geschichte spielte ihr gesamter Freundeskreis eine Rolle – so ganz von ihrem Umfeld konnte sie sich also nicht lösen. Erst recht nicht, da das Schreiben ihr ungeahnte Möglichkeiten der Rache eröffnete: Ein Mädchen aus ihrer Klasse, das immer besonders gemein und arrogant war, starb in Libbas Geschichte. Nicht nur ein Mal, sondern immer und immer wieder. Der Kreativität war da keine Grenze gesetzt – anders als bei Plot-Unstimmigkeiten. Wann immer sie nicht wusste, was sie mit einem Charakter machen sollte, ließ sie ihn in ein Loch fallen. – Heute würde vermutlich das Jugendamt kommen und sich die „familiären Umstände“ anschauen, in denen dieses offensichtlich schwerst traumarisierte und gestörte Kind aufwuchs, damals vergab der Lehrer jedoch eine gute Note mit Sternchen …

Trotz Horror und Gänsehaut darf ein wenig Humor nicht fehlen

Die Faszination mit dem Unbekannten blieb. Statt wie viele andere Autoren über das zu schreiben, was sie kennen, schreibt Libba über das, was sie nicht kennt, was sie aus der Fassung bringt, nachts wach hält. Es gab eine Zeit, in der das Schreiben sie am Leben hielt. Mit 18, wenige Wochen nach ihrem High School Abschluss, hatte sie einen Autounfall, bei dem sie beinahe umgekommen wäre. Sie verlor ein Auge, ihr Gesicht war vollkommen zerschmettert, zwei Wochen verbrachte sie auf der Intensivstation. Das Schreiben half ihr, sich neu zu finden, denn nach dem Unfall hatte sie nicht nur das Gefühl, äußerlich kaputt zu sein, sondern vor allem auch innerlich.

Beim Schreiben geht sie dabei sehr chaotisch vor. Sie nutzt zwar ein Schreibprogramm, mit dem man alles mögliche organisieren kann, aber das meiste ist einfach in ihrem Kopf. Linear schreiben sei auch nichts für sie – sie schreibe einfach, bis sie das Gefühl habe, es sei genug. Im Moment arbeitet sie an Band 2 – 300.000 Wörter habe sie dafür geschrieben, von denen sie 150.000 wieder verworfen hätte.

Auf die verbliebenen 150.000 bin zumindest ich sehr gespannt. Denn es war ein gelungener Abend, mit Libbas überfunkelnder Art, ihrem schrägen Humor und wilden Gestikulationen, mit Ines Dettmanns Übersetzungen und Kommentaren, Erzählungen von Lindgrens betrunkenem Michel und den Kirschen, ihrem Englisch mit Charme und Heidrun Grotes Imitationen von den verschiedenen Charakteren, die der Geschichte noch einmal eine extra Portion Leben verlieh.

Heidrun Grote liest den deutschen Text – und Libba Bray ist begeistert.

Ich freue mich auf weitere Abende wie diesen! Am nächsten Dienstag, den 21.10.14, kommt übrigens einer meiner absoluten Lieblingsautoren, Andreas Steinhöfel, ins Junge Literaturhaus Köln. Wer kommt?

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