100 Seiten zu David Bowie

David Bowie. 100 Seiten - Frank Kelleter

Am Dienstag jährte sich der Todestag von David Bowie zum ersten Mal. Grund genug für den Reclam Verlag, ihm eine Ausgabe der Reihe 100 Seiten zu widmen. Darin analysiert Frank Kelleter unter anderem Songs, Auftritte und Bowies Verhältnis zu Medien.

2016 war gefühlt das Jahr der Prominenten-Tode. Dafür gibt es verschiedenste Theorien und Erklärungen, wovon meine liebste ist, dass David Bowie ein Paralleluniversum erschaffen habe und dieses nun selektiv mit Ikonen aus Literatur, Film, Musik und Kunst bevölkere. Dass diese Vorstellung nicht nur amüsant ist und ein wenig über den Verlust der vielen Künstler hinweg tröstet, sondern auch zu David Bowie passt, wird beim Lesen von Frank Kellerters David Bowie. 100 Seiten recht schnell klar. Denn David Bowie hat seit Beginn seiner Karriere irgendwie eine Faszination für das All, Sterne, andere Planeten – und was sich metaphorisch dahinter versteckt: Andersartigkeit.

„Life on Mars?“ ist eines der außergewöhnlichsten Lieder des 20. Jahrhunderts, eine haltlos bewegende Hymne auf das jugendliche Gefühl absoluter Fremdheit in der Welt.

Das war mir lange Zeit gar nicht bewusst. Denn David Bowie entdeckte ich als Künstler erst wenige Monate vor seinem Tod. Um genau zu sein mit der Verfilmung von The Perks of Being a Wallflower, in der sein Song „Heroes“ eine zentrale Rolle spielt. Natürlich, am Namen David Bowie kam ich in meiner Jugend nicht vorbei, irgendwo kannte ich sein Gesicht, aber um seine Kunst und Bedeutung wusste ich nicht. Sein Tod, nur zwei Tage nach seinem 69. Geburtstag, kam unerwartet und trotz Unwissen war da auch für mich das Gefühl eines Verlustes spürbar, ein „hm, da fehlt der Welt jetzt ein wichtiger Künstler“. Tagelang hörte ich die Single „Heroes“ rauf und runter, schnappte Fetzen in Artikeln über Bowie auf und wollte mehr wissen.

Auf 100 Seiten hat Frank Kelleter nun ein, ja, was eigentlich veröffentlicht? Er blickt auf die Musik, Videos, Fernsehauftritte, Filme und Produktionen David Bowies zurück und analysiert seine künstlerische Entwicklung. Er beleuchtet Bowies Medienverständnis und -umgang, sein künstlerisches Schaffen in verschiedenen Rollen, die er ausfüllt und die doch nicht voneinander abzugrenzen sind, sondern sich kontinuierlich aus der jeweils anderen entwickeln, auf seine Stilbrüche und Störelemente in der Popkultur ihrer Zeit, auf seinen Umgang mit Sexualität im Visuellen und Audio und nicht zuletzt auch auf den (künstlerischen) Umgang mit Jugend, Krankheit, Wahnsinn und Alter.

In diesem Jahr [1974] wird Bowie, mittlerweile nicht mehr strahlend selbstsicher, sondern extrem nervös, im Dokumentarfilm ‚Cracked Actor‘ von Alan Yentob gefragt, was er empfinde, wenn auf seinen Konzerten lauter Leute auftauchen, die ihm zum Verwechseln ähnlich sehen. Seine Antwort ist angespannt: Er hoffe, dass er seinen Fans helfen könne, irgendwann auch eigene Figuren für sich zu erfinden.

Es ist bezeichnend, dass Bowie hier vom Erfinden einer Figur spricht. Würde ich heute auf die Straße gehen und herum fragen, was Menschen mit David Bowie in Verbindung bringen, wäre wohl eine der häufigsten Antworten: Wandelbarkeit. Ein Künstler, der sich immer wieder neu erfindet, der andersartig auftritt – ungewöhnlich für einen Popstar. Dass diese Wandelbarkeit, dieses Eigenartige auch seine Kehrseiten hat und Kunst den Künstler prägt, zeigt sich in Interviews:

So erklärte Bowie in mehreren Interviews der Mittsiebziger in kaum anders als authentisch zu nennenden Tonlagen und Gesten, dass er irgendwie nicht mehr mit sich übereinstimme, nicht mehr wisse, wer er eigentlich sei. Passenderweise sprach er dabei gern in der dritten Person von sich, manchmal sogar in der Vergangenheitsform.

David Bowie. 100 Seiten - Frank Kelleter

Wie nebensächlich erwähnt Kelleter, dass der Wahn „seit Langem in Bowies Auftritten präsent“ war, und hier zeigt sich das große Manko an David Bowie. 100 Seiten: Es ist ein absolutes Liebhaberbuch. Wer David Bowies künstlerisches Schaffen nicht kennt, ihn nicht in TV-Auftritten und Konzertmitschnitten erlebt hat, wer die musikalische Entwicklung im Kontext ihrer Entstehung nicht verfolgt hat, der ist hoffnungslos verloren über einen Großteil der 100 Seiten. Episoden der Analyse versteht man auch so – beispielsweise wenn es um die Differenz im Umgang mit Sexualität geht (visuell offensiv, doch durchzogen von Zwitter-Elementen, von weiblicher Männlichkeit und männlicher Weiblichkeit mit dem Ideal eines geschlechtlosen Neutrums, eine Sphäre, die Raum bietet für Homo-, Hetero- und Bisexualität mit all den dazwischenliegenden Facetten; in den Texten körperlos und als leidenschaftsloses Ideal) -, doch richtet sich die Lektüre eindeutig an Leserinnen und Leser, die bereits eine Grundidee von Bowies Leben haben, die ihn und seine Werke kennen, die ein Verständnis der Popkultur der 1970er, 80er und 90er haben und für die  Musikgenres und Medientheorie keine Fremdworte sind. Ohne Vorwissen vor allem zur künstlerischer Zeitgeschichte dieser Zeit ist es keine leichte Lektüre. Dies liegt wohl nicht zuletzt daran, dass Frank Kelleter Wissenschaftler ist: Er ist Einstein-Professor für Nordamerikanische Kultur und Kulturgeschichte am John-F.-Kennedy-Institut der Freien Universität Berlin, wo Theorien der amerikanischen Moderne und die amerikanische Medien- und Populärkultur seit dem 19. Jahrhundert zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört. Es erklärt den wissenschaftlichen Ton – der Autor betrauert in seinem „Outro“ selbst, dass es keine Möglichkeit für Fußnoten gab.

So verbleibe ich nach der letzten Seite zwar mit einer Menge Fachwissen und Analysen, die ich zum Teil nicht nachvollziehen oder verstehen konnte, aber als quasi „Bowie-Anfänger“ fehlt mir das Grundwissen, was nicht zuletzt daran liegt, dass Lebensereignisse wie Ehe, Scheidung und Geburt von Kindern zwar liebevoll zusammen mit Produktionen auf vier Seiten in chronologischer Anordnung dargestellt werden, jedoch die Kenntnis von Bowies Biographie in großen Teilen vorausgesetzt wird. Reclam verspricht, dass die Ausgaben der 100 Seiten einen schnellen Überblick bieten und die Themen unterhaltsam präsentiert werden. Meiner Meinung nach trifft das jedoch leider nicht auf David Bowie. 100 Seiten zu: zu wissenschaftlich geschrieben, zu fachspezifisch und zu speziell. Aber: Wer Fan von Bowie ist, der wird in diesem Buch sicherlich eine bereichernde Lektüre finden.

Autor: Frank Kelleter
Titel: David Bowie. 100 Seiten
Verlag: Reclam
Seiten: 100
Preis: 10,- €
zum Buch

Diese Rezension ist mithilfe der freundlichen Bereitstellung eines Rezensionsexemplars durch den Verlag entstanden. Selbstverständlich hat dies keinerlei Einfluss auf die Bewertung.

1 Kommentar

  1. […] Ich hatte mir davon erhofft, mehr über sein Leben und ihn als Künstler zu erfahren, aber wie ihr hier lesen könnt ist dieses Buch eher etwas für Liebhaber als Neuentdecker seiner […]

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